Teil 2: [Narzisstische] Gruppendynamiken und der Sündenbock
Toxische & narzisstische Gruppendynamiken | Sündenbock | psychischer Missbrauch
Dieser Beitrag ist Teil 2 und wird das Thema Mobbing & narzisstisch angeführte Gruppendynamiken weiterführen. Im ersten Grundlagenteil ging es vorwiegend darum, wie Gruppen grundsätzlich aufgebaut sind und zwar anhand des Modells der Rangdynamischen Positionen nach Raoul Schindler. Dies wurde bereits in Bezug zu narzisstisch angeführten Gruppen in Beziehung zum Sündenbock gesetzt.
*** Schau dir gerne zuerst den ersten Teil an, da alle Teile aufeinander aufbauen.
Dieser Beitrag ist Teil 2 und wird das Thema Mobbing & narzisstisch angeführte Gruppendynamiken weiterführen. Im ersten Grundlagenteil ging es vorwiegend darum, wie Gruppen grundsätzlich aufgebaut sind und zwar anhand des Modells der Rangdynamischen Positionen nach Raoul Schindler. Dies wurde bereits in Bezug zu narzisstisch angeführten Gruppen in Beziehung zum Sündenbock gesetzt.
Inhalte Teil 1:
- Wie sind Gruppendynamiken organisiert und was ist „gesund“?
- Loyalität für den Narzissten und Konflikte
- Handlungsfähigkeiten des Sündenbocks
- Mögliche Lösungskaskade (in allen 3 Teilen gleich)
Die gesunde Organisation von Gruppen & Zusammenfassung Teil 1:
Ich hatte ja bereits im ersten Teil darüber geschrieben, dass eine Grundregel für gesunde Gruppendynamiken lautet, dass Menschen flexibel und dynamisch sind. Das bedeutet, es gibt zwar in der Regel eine mögliche Hierarchie, jeder hat entsprechend seinen Platz, seine Rolle und seine Aufgaben. Aber dennoch kann jeder auch mal wechseln, z.B. seine Meinung äußern, die nicht allen anderen entspricht, um auf mögliche Schwierigkeiten hinzuweisen oder jmd. kann mal eine Aufgabe übernehmen, die normalerweise nicht seinem / ihrem Aufgabengebiet entspricht usw.
Und ich hatte über die sogenannten Rangpositionen geschrieben, die Raoul Schindler benennt mit den Positionen
- des Alpha, der den Anführer der Gruppe verkörpert und auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet
- des Beta, der nicht anführt, aber dem Alpha am nächsten steht und als Fachexperte beratend agieren kann
- die Rolle der sogenannten Gammas, die sich an der Alpharolle ausrichten und wichtige Tätigkeiten zur Erreichung des gemeinsamen Zieles ausführen. Wichtig war hier, dass die Gammarolle immer die Möglichkeit bietet, innerhalb der anderen Gammas nicht sichtbar zu sein
- und dann noch die Rolle des Omega, der in diesem Modell NICHT das rangniedrigste Mitglied verkörpert, sondern eine Art Gegenposition zu Alpha (!). Der Alpha und der Omega werden gesehen.
Das Wesentliche an „gesunden“ Gruppen
Wesentlich ist für „gesunde“ Gruppendynamiken, dass ein Kriterium der Reife eines Menschen in diesem Zusammenhang bedeutet, dass er die Fähigkeit besitzt, in Rangpositionen wechseln zu können.
Wichtig war auch noch, dass der gruppenorientierte Alpha die Ziele der Gruppe zwar verkörpert, sich die realen Ziele aber im Außen befinden, und er durch sein gruppenorientiertes, empathisches Verhalten die Gruppe zu ihrem Ziel führen kann, während es beim narzisstischen Alpha eher um die Ziele des Alphas selbst geht, bzw. ER ist das Ziel, also seine Bedürfnisse sollen erfüllt sein, auf die alle ausgerichtet sind, wobei er durchaus in der Lage ist, ein Wir-Gefühl zu erzeugen und ein Sicherheitsgefühl darin zu bieten, während die Gruppe über seine Projektionen seine eigenen inneren Anteile widerspiegeln und ihm wiederum Sicherheit geben durch die Anerkennung und die damit einhergehende Zufuhr. Das Wir-Gefühl kommt häufig tatsächlich auch erst durch einen gemeinsamen Sündenbock, d.h. in dem Punkt sind sich dann alle einig, obwohl dieser nur der psychischen Entlastung der in sich kranken Gruppe ist und selbst überhaupt nichts dafür kann, also z.B. durch falsches Verhalten o.ä.
Was ist Mobbing?
Zunächst möchte ich kurz anmerken, was Mobbing NICHT ist:
Mobbing ist nicht der Konflikt von 2 Personen auf Augenhöhe. Mobbing ist nicht einmal der Konflikt 2er Personen, bei denen einer von beiden als Einzelperson dem anderen überlegen ist, also zum Beispiel, wenn der Chef mal wieder ausrastet, derjenige, der angeschrien wird aber ansonsten im Kollegium integriert ist. Und Mobbing ist auch nicht, wenn sich 2 Gruppen gegenüberstehen und es einen Konflikt zwischen diesen 2 Gruppen gibt. Mobbing hat immer mit der Ausgrenzung von einer Einzelperson aus einer Gemeinschaft zu tun. Charakteristisch ist die vollständige Isoliereung des Opfers von Rückhalt gebenden Beziehungen. Dies ist für diese Einzelperson in der Regel hochtraumatisierend. Evolutionär ist ein Mensch, der aus der Gemeinschaft ausgeschlossen wurde, normalerweise dem Tode geweiht gewesen. Und Mobbing ist auch nicht ein einzelner Vorfall, sondern eine systematische Schickane, die über einen längeren Zeitraum anhält.
Ok, also was ist Mobbing?
Mobbing bezieht sich in unserem Sprachgebrauch eher auf den Arbeitsalltag als auf andere Umfelder. Lt. Bundesgerichtshof wird Mobbing wie folgt definiert:
„Mobbing ist ein systematisches, feindliches, über einen längeren Zeitraum anhaltendes Verhalten, mit dem eine Person an ihrem Arbeitsplatz isoliert, ausgegrenzt oder gar von ihrem Arbeitsplatz entfernt werden soll. Das Opfer ist oft in einer Situation, in der jede Einzelhandlung unter Umständen als zulässig zu beurteilen ist, jedoch die Gesamtheit der Handlungen zu einer Destabilisierung des Opfers und bis zu dessen Entfernung vom Arbeitsplatz führen kann.“ (Keller, 2017).
Der Begriff selbst kommt von „to mob“ und bedeutet soviel wie „jmd. anpöbeln“ oder auch „herfallen über“. Charakteristisch sind bei Mobbing Angriffe, in die die Gruppe mit einbezogen ist und einem einzelnen gegenübersteht. Zudem dauern diese Angriffe über einen längeren Zeitraum an. Meistens handelt es sich um Menschen, die irgendwie zusammen sein müssen und sich das aber nicht selbst ausgesucht haben, wie Familie, Schulklassen oder Kollegen.
Es werden eigentlich noch weitere Begriffe unterschieden, die für uns jetzt in diesem Beitrag gar nicht so wichtig sind – z.B. „Mobbing“, „Bossing“, „Staffing“, „Bullying“, und es wird ein Machtgefälle hergestellt – entweder über die Position oder die Anzahl der Beteiligten (Kolodej, 2018).
Die Angriffe selbst sind inhaltlich darauf ausgelegt, dass dem Opfer die Möglichkeit entzogen wird, sich mitzuteilen, beispielsweise durch das Fernhalten wesentlicher Informationen, durch Ignorieren und jede Form des Ausschlusses. Zudem werden die sozialen Beziehungen angegriffen, um das Opfer zu isolieren. Dies kann sich auf die Gruppe selbst beziehen, also dass das Opfer absichtlich ausgeschlossen und nicht mehr gegrüßt wird oder dass man den Raum verlässt, sobald der Betrooffene reinkommt. Es kann sich aber auch um Abwertungen handeln, die das private Umfeld des Betroffenen betrifft und das zum Mittelpunkt von Tratsch herangezogen werden. Zudem wird die Arbeit des Opfers diskreditiert oder es bekommt demütigende Tätigkeiten als Arbeitsauftrag, oder es bekommt seine Arbeit einfach ungefragt entzogen (z.B. durch übergriffige Kollegen).
Mobbing basiert immer auf ungelösten Konflikten. Das kann die mangelhafte Struktur z.B. innerhalb eines Unternehmens betreffen, Leistungsdruck, der nicht zu bewältigen ist, oder ein unsicherer und inkompetenter Führungsstil.
Der psychologische Mechanismus hinter Mobbing ist in allererster Linie die psychologische Erleichterung von instabilen Persönlichkeiten. Diese Instabilität wirkt sich auf die gesamte Gruppe aus. Wo Mobbing stattfindet bzw. wo es einen Sündenbock gibt, hat die Gruppe ein Problem, denn gesunde Gruppen mit in sich gefestigten Persönlichkeiten brauchen kein Opfer. Mobbing ist immer ein WIR gegen DICH. Ein ALLE gegen EINEN.
Mobbing und Schickanen einem Einzelnen gegenüber gleicht Rivalitäten aus, da sich in dem Punkt dann alle einig sind, dass der Sündenbock an allem Schuld ist, und täuscht häufig über die Inkompetenz an ganz anderer Stelle hinweg. Mobbing ist der pathologische Versuch einer Lösung, wo es keine Lösung gibt – nämlich auf der persönlichen Ebene (also z.B. der Persönlichkeitsstruktur der Mobber, wie z.B. bei Narzissten), die mit der Problematik als solches (also z.B. die Arbeit des Opfers ungefragt wegzunehmen) aber nichts zu tun hat, denn hier geht es ja nicht um den Konflikt zwischen 2 Kollegen, sondern um eben genau das NICHT-Lösen der eigentlichen Problematik, UM das Opfer zu destabilisieren.
Diese Angriffsformen lassen sich 1:1 auf narzisstisch angeführte Gruppen jeder Art beziehen. Das Opfer soll also immer isoliert und / oder diskreditiert werden. Und darüber verschaffen sich Narzissten eine psychologische Erleichterung. Narzissten haben immer ein übergeordnetes Ziel: Das ist Zufuhr. Zufuhr bedeutet, dass Narzissten immer etwas von anderen brauchen – sei es Aufmerksamkeit, sei es Zeit, Energie usw. Missbrauchs- und Mobbingopfer neigen dazu, sich immer zu fragen, was sie selbst falsch machen und wie sie die Situation für alle verbessern können – also in der Regel ist das ein sehr soziales Verhalten, das eine positive Lösung anstrebt. Da es aber für das Opfer keine Lösung gibt, außer zu gehen (sich also letztlich selbst aus der Gruppe auszuschließen), oder es wird gekündigt (wodurch die Mobber ihr Ziel ebenfalls erreicht haben), bekommt der Narzisst viel Macht und über seine Manipulationstaktiken hat er zudem viel Kontrolle – sowohl über die Gruppe als auch das Opfer. Das gibt ihm einen Kick. Da dieser auf einem tatsächlichen Opfer und dessen Leid basiert, hängt dies sehr stark mit Sadismus zusammen. Das heißt, der Narzisst zieht sehr häufig einen sehr großen Lustgewinn aus dem Leid des Opfers.
Narzissten projizieren innere Konflikte auf ein Gegenüber und löst diese sozusagen über das Leid des Opfers – und somit praktisch über ein Menschenopfer. Hier gibt es mehrere psychodynamische Abwehrmechanismen beim Narzissten, die eine Rolle spielen können. Und es gibt auch immer bei den Gruppenmitgliedern psychodynamische Abwehrreaktionen, die im Mobbingprozess bzw. beim sogenannten Sündenbockmissbrauch eine Rolle spielen.
Mobbing und die Gruppe
Im Folgenden möchte ich gerne gesunde Gruppen ungesunden Gruppen gegenüberstellen und ein paar wesentliche Punkte nennen, die zu einem groben Verständnis der Beziehungen zwischen Mobbing einerseits und narzisstisch angeführten Gruppen andererseits bestehen, unter denen viele Menschen sehr stark leiden. Die folgenden Ausführungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern sollen lediglich zum Nachdenken, gerne auch zum Mitreden und zu einem groben Verstehen beitragen. Denn häufig leiden Opfer sehr stark darunter, weil sie sich eben nicht mitteilen können und es gibt viele Menschen, die relativ unbedarft Teil von schwerem Mobbing werden können und noch glauben, dass alles im Namen des Guten abläuft, was in narzisstischen Gruppen auch Teil der Manipulation ist – also in eine Spaltung von der guten Gruppe und dem bösen Sündenbock führt.
Dynamische vs. starre Gruppen
Gesunde Gruppengefüge haben einerseits festgelegte Strukturen, also die Position sagt immer etwas über die Machtstellung innerhalb der Gruppe aus, die Funktion sagt etwas über die Aufgaben aus und die Rolle sagt etwas über das WIE aus – also welche Merkmale besitzt jmd. innerhalb seiner Position und seiner Funktion. Normalerweise gibt es zudem Regeln, die für alle gelten und zum Schutz des Einzelnen und der Gruppe bestehen.
Auf der anderen Seite sind reife Menschen aber immer auch in der Lage innerhalb dieser Strukturen dynamisch zu bleiben. Das ist auch wichtig und richtig so, denn um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, ist es wichtig, dass man beweglich bleibt, da äußere Umstände sich immer mal verändern können. Gibt es ein Gruppenmitglied, das nicht so reif ist oder in irgendeiner Weise instabil, kann das eine in sich gesunde Gruppe ausgleichen und auffangen.
Wer hingegen ausgeschlossen werden könnte, sind Täter, also z.B. einzelne Mitarbeiter:innen, die etwas stehlen oder betrügen usw. Das sind auch Menschen, die von unserem Rechtssystem in der Regel erfasst werden können, da sie eindeutig zu einem Tatbestand zuornungsbar sind.
Starr werden Gruppen, die ihre Dynamik nicht mehr haben, sondern wo alles festgeschrieben ist. Bei mir geht es um narzisstischen Sündenbockmissbrauch, weshalb ich mich direkt auf narzisstisch angeführte Gruppen beziehen möchte. Das Ziel der Gruppe ist dabei, wie bereits beschrieben, der Narzisst selbst und seine Bedürfnisse. Und daraus ergibt sich wiederum, dass wir es viel mit Projektion des Narzissten auf die GRuppe zu tun haben, woraus sich wiederum auch die Identität der Gruppe ergibt.
Die narzisstische Persönlichkeit ist immer durch folgende Merkmale geprägt – egal, um welche Art Narzissmus (offen, malign, verdeckt usw.) es sich handelt:
- Empathiemangel
- Anspruchsdenken
- Grandiositätsgefühl und ständige Suche nach Bewunderung
- Leitgefühl: Neid – nicht Scham (!) und schon gar nicht Schuld (!!!)
- Arroganz
- Oberflächlichkeit
- chronische Egozentrik
- 2 Gesichter (die sie dir gerne unterstellen): das sympathische / kleine / liebe im Außen und das missbrauchende Gesicht hinter verschlossenen Türen, vor allem dem Sündenbock gegenüber
- Unfähigkeit zu wahrer Intimität
- Manipulatives Verhalten
Auf Grundlage dieser Merkmale spielt es noch eine Rolle, wie bösartig oder sadistisch jmd. tatsächlich ist. Hier gibt es also durchaus Unterschiede.
Was wir aber sehr häufig haben, sind Regeln, die meist unausgesprochen, aber dennoch allen bekannt sind. Diese Regeln gelten normalerweise nicht für alle Personen auf die gleiche Weise und dienen deshalb nicht zum Schutz aller Einzelpersonen und der Gruppe als Ganzes, sondern sie dienen manipulativen Zwecken und zum Schutz einzelner Personen – allen voran dem Narzissten selbst.
Sündenbockkinder in narzisstisch geprägten dysfunktionalen Familiensystemen wachsen beispielsweise in der Regel so auf, dass sie weder Grenzen noch Privatsphäre haben dürfen, während sie selbst den anderen gegenüber sehr harten Grenzen ausgesetzt sind. Narzissten stellen immer ein Machtgefälle her und der Sündenbock steht darin ganz unten.
Gruppe vs. Masse
Die Struktur einer Gruppe hatte ich ja nun schon mehrfach dargestellt. Sie besitzt bestimmte Positionen, Funktionen und Rollen. Zudem ist sie auf ein Ziel im Außen ausgerichtet, also auf ein Ziel, das nicht innerhalb einer Person liegt, wie z.B. das Ziel der Zufuhr für einen Narzissten, sondern auf ein Ziel außerhalb der Gruppenmitglieder,wie der Bau eines Hauses, bei dem der Bauleiter alles organisiert, ein Berater diesen berät, die Arbeiter selbst die notwendigen Tätigkeiten ausführen usw. Zudem gibt es Regeln, an die sich alle halten müssen, da sie zur Struktur und zum Schutz der Gruppe dienen. Trotz aller Struktur ist eine gesunde Gruppe nicht statisch, sondern dynamisch.
Ich hatte ja bereits gesagt, dass derBegriff „Mobbing“ von „to mob“ kommt, also „jmd. anpöbeln“ oder „herfallen über“ jmd. Den Begriff „Mob“ kennen wir im deutschsprachigen Raum aber auch auf gesellschaftlicher Basis. Ein Mob ist eine unstrukturierte reizbare oder aufgewiegelte Menschenmasse. Sie hat keine allgemeingültigen Regeln, die zum Schutz aller dienen, sondern ein Mob ist führungslos und besitzt eine kriminelle oder zumindest negative Konnotation.
Wikipedia sagt hier: Der von sich aus, gruppendynamisch handelnde Mob hat kurzfristige destruktive Ziele (Plünderung, Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen und dergleichen).
Gerade den Bezug zur öffentlichen Hinrichtung finde ich hier sehr passend für das, was wir in der Narzissmusaufklärung Schmierkampagnen nennen und was zum Mobbing in egal welchem Kontext stattfindet.
Gustave Le Bion beschreibt in seinem Buch Psychologie der Massen: “ […] Unter bestimmten Umständen, und bloß unter diesen, besitzt eine Versammlung von Menschen neue Merkmale, ganz verschieden von denen der diese Gesellschaft bildenden Individuen. Die bewußte Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller Einheiten sind nach derselben Richtung orientiert. Es bildet sich eine Kollektivseele, die wohl transitorischer Art, aber von ganz bestimmtem Charakter ist.“ Eine Masse wird sehr speziell unter bestimmten Voraussetzungen steuerbar. Wer sich für Massenpsycholgie interessiert: Ich nenne alle Quellen unter dem Blogbeitrag.
Ein ganz wesentlicher Punkt ist eine Art Kollektivseele, die durch den Zusammenschluss gegenüber einem einzelnen Individuum entsteht. Ein weiterer Punkt ist die Unsichtbarkeit des Einzelnen innerhalb der Masse, innerhalb derer Einzelne durch die Gruppenzugehörigkeit eine Macht bekommen, die sie alleine nicht hätten, was sie dazu verleiten kann, Triebe auszuleben, die sich alleine nie getraut hätten auszuleben. Wir sind hier schnell in Strukturen, die auch an Sekten z.B. erinnern oder andere starre Konstrukte. Und auch innerhalb der Narzissmusforschung wird ja oft gesagt, dass beispielsweise narzisstische Familiensysteme sektenartige Strukturen aufweisen. Es würde aber zu weit führen, das jetzt komplett auseinanderzudröseln. Ich möchte in diesem Teil noch auf ein paar andere Dinge hinaus.
Der Unterschied zwischen Gammas vs. Flying Monkeys & Enabler
Die Gammas
Die Gammas sind diejenigen, die in einer gesunden und dynamischen Gruppe die Gruppe selbst bilden. Sie führen durch das Ausführen ihrer Tätigkeiten die Gruppe zum Ziel. Über das Ziel, das der Alpha verkörpert, besitzt die Gruppe eine Identität, mit der sich die einzelnen Mitglieder identifizieren, und darüber das Ziel im Außen erreichen können.
Aus der Narzissmusaufklärung kennen wir nun die sogenannten Flying Monkeys (übersetzt: fliegende Affen) und die Enabler (übersetzt: Möglichmacher – gemeint sind „Missbrauchsermöglicher“), die sich wiederum in Unterkategorien aufteilen.
Die Flying Monkeys
Beginnen wir mit den Flying Monkeys: Der Begriff kommt aus dem Zauberer von Oz, wo die böse Hexe der Protagonistin Dorothy ihre Armee geflügelter Affen schickt, um sie zu entführen. Die geflügelten Affen sind also die ausführenden Kräfte der bösen Hexe und im übertragenden Sinne diejenigen, die die Drecksarbeit für den Narzissten erledigen. Das kann Gaslighting sein, zum Beispiel durch das Verschwindenlassen von Gegenständen oder das Löschen oder Verändern der Arbeit des Opfers am Arbeitsplatz durch die Mobber. Das kann auch das Goldkind in narzisstischen Familien sein, das den Sündenbock ausspioniert, Grenzen überschreitet und mit allem ungestraft davon kommt, da der narzisstische Elternteil dieses Kind zur Weiterführung des Missbrauchs und der Dekonstruktion des Sündenbockes heranzieht und in dieser Funktion schützt.
Zum Flying Monkey können auch Menschen werden, die sich dabei gar nicht viel denken, und zum Beispiel „im Namen der Liebe“ das Opfer für den Täter / die Täterin aushorchen und ausspionieren. Das gibt dem Narzissten nicht nur eine Art second-hand-Zufuhr über die Macht und Kontrolle, die er hat, obwohl er selbst gar nicht da ist, sondern er wird auch häufig mit wichtigen Informationen – zum Beispiel zum neuen Wohnort des Opfers – versorgt.
Und was sind Enabler im Unterschied zu Flying Monkeys?
Das Wort „to enable“ bedeutet so viel wie „ermöglichen“. Bei Enablern haben wir es im übertragenen Sinne mit Ermöglichern / Möglichmachern für den narzisstischen Missbrauch zu tun, und zwar durch das, was sie tun, aber vor allem auch dadurch, was sie nicht tun. Häufig sind das Menschen, die das, was der Gemobbte bzw. der Sündenbock sagt, in Zweifel ziehen und als nicht so schlimm abtun, weil sie entweder selbst keine Erfahrungen mit Mobbing gemacht haben und es nicht nachvollziehen können oder weil sie die Welt durch eine rosarote Brille sehen wollen.
Sie teilen sich nach Dr. Ramani – Psychologin und DIE Narzissmusexpertin aus Amerika – in folgende unterschiedliche Hauptgruppen ein:
Die erste Gruppe Enabler wird durch die Menschen gebildet, die wegschauen und in jedem das Gute sehen wollen. Sie denken, dass niemand einfach absichtlich böse sein kann und jeder seine Chance verdient. Diese Personen verstärken bei Betroffenen die kognitive Dissonanz, da sie das schlechte Gewissen und Hinterfragen der eigenen Person unterstreichen. Das Opfer fragt sich sowieso schon rauf und runter, was es selbst falsch gemacht hat und was es tun kann, um nicht mehr zum Sündenbock gemacht zu werden. Opfer neigen auch zu Täterintrojekten, einem psychologischen Selbstschutzmechanismus, der dem Opfer eine Mitschuld suggeriert und uns das Gefühl gibt, noch etwas selbst tun zu können, also beteilgte zu sein und die Tat in gewisser Weise dadurch legitimieren. Das Opfer bekommt also ein schlechtes Gewissen und möchte niemandem Unrecht tun. Es fragt sich, was mit ihm nicht stimmt. Diese erste Art der Enabler ist die häufigste Ursache, warum Menschen in missbräuchlichen Beziehungen ausharren. Im Bereich von Therapien und Mediationen können Opfer durch diese ewige Heile-Welt-Brille schwer re-traumatisiert werden durch ewig zweite Chancen und dem dadurch aufrechterhaltenen Unrecht unfassbar stark destabilisieren und dekompensieren. Kommt hinterher raus, dass sie (diese Art der Enabler) im Unrecht waren, sagen sie, sie hätten ja keine Ahnung gehabt. – Doch hatten sie. Das Opfer hat es ihnen gesagt…!
Die zweite Gruppe Enabler sind diejenigen, die wirklich nicht verstehen wollen, was Narzissmus ist. Die denken, Narzissten sind Menschen, die den ganzen Tag nur in den Spiegel schauen und gar nicht verstehen wollen, warum man sie als so böse darstellt. Sie legitimieren durch ihre Unwissenheit den narzisstischen Missbrauch und verharmlosen ihn. Und das ist auch Täterschutz.
Die dritte Gruppe sind die Narzisstenversteher, die den Missbrauch und das Leid des Opfers aktiv relativieren durch Aussagen wie z.B.:
- „Ach, der meint das doch nicht so.“
- „Er / sie hatte doch auch eine schwere Kindheit.“
- „Na klar, immer sind die anderen Schuld. Da muss sich jeder an die eigene Nase fassen.“
- „Bei dir muss man aber auch aufpassen. Da wird ja alles auf die Goldwaage gelegt.“
- „Narzissten sind doch auch nur traumatisiert“ (der All-time-favorit)
- „Über Narzissten wird doch nur deshalb hergezogen, weil man jemanden braucht, UM den Finger auf jemanden zu zeigen.“ (ein mir relativ neu zu Ohren gekommener Spruch von Täterschützern, die schweren Missbrauch verwässern)
Und als letzte Gruppe haben wir die Enabler, die missbräuchliche Dinge auf die Kultur oder die Moralschiene schieben und zum Beispiel fest darauf beharren, dass Geschlechterbenachteiligung in Ordnung sei, dass es Emotionen gibt, die man haben oder nicht haben darf, dass man bestimmten Menschen blinden Respekt zollen muss oder dass man „Freundschaften“ aufrecht erhalten müsse, nur weil man sich doch schon so lange / seit der Schulzeit kennt usw.
Übrigens: Wenn du mehr über Enabler / Narzisstenversteher erfahren möchtest: In diesem Artikel habe ich die 6 häufigsten Thesen von Enablern zusammengestellt und was daran schlichtweg falsch ist:
Narzissmus: Warum wir endlich aufhören müssen, die Täter zu verstehenDas toxische Verständnis für Narzissten
Mögliche Lösungskaskade
* Diese ist in allen 3 Teilen gleich, da ich keinen der 3 Teile ohne Handlungsimpulse belassen wollte. Nur, damit du dich nicht wunderst. 🙂
Wenn du selbst in einer solchen Situation gerade bist oder bereits warst, vielleicht sogar als Sündenbockkind in einer sehr narzisstisch geprägten Familie aufgewachsen bist, könnte eine mögliche Lösungskaskade folgende Punkte beinhalten:
- Eine Akutbegleitung in Form der Telefonseelsorge, eines Klinikaufenthaltes (je nachdem, wie schwer die Folgen für dich aktuell sind), oder auch ein traumasensibles Coaching (in dem nicht in die Tiefe gegangen wird, sondern Stabilisierungsübungen und ein verständnisvolles, offenes Ohr angeboten wird).
- Traumatherapie, spezialisiert auf Narzissmusopfer oder Bindungs- und Entwicklungstraumata. Informiere dich bei dich bei deiner Krankenkasse über mögliche Therapieangebote. Selbstzahler können auch – häufig sogar schneller – zu einem Heilpraktiker für Psychotherapie gehen, bzw. die Zeit bis zum Therapiestart dort überbrücken.
- Du kannst die Situation jederzeit so gut wie möglich verlassen – den Job wechseln oder den Kontaktabbruch in Erwägung ziehen, was jedoch nicht immer sofort der sinnvollste Weg ist. Nimm dir gerne eine Beratung an die Seite, wenn nötig, um für dich die beste individuelle Lösung zu finden.
- Zudem würde ich die Situationen inkl. Datum, Uhrzeiten, Umständen und beteiligten Personen immer so genau wie möglich dokumentieren.
- Journaling ist eine gute Hilfe, um akut Emotionen zu verarbeiten und auch langfristig regulierter zu bleiben – welche Gedanken und Körperempfindungen hast du gerade? Es ist wichtig, dass das nicht verloren geht, um mit der Zeit immer besser, adäquater und gesünder für dich sorgen zu können.
- Dich sehr gut und wohlwollend auch ansonsten um dich kümmern, z.B. Yoga machen, mit deinem Haustier kuscheln, Freunde treffen, Sport machen, ein schönes Bad nehmen usw.
- Und vergiss nicht, genug zu trinken, zu essen und zu schlafen, wenn möglich. Wenn das Nervensystem in Panik und Übererregung läuft, vergessen wir häufig, gut auf uns zu achten.
Solltest du selbst betroffen sein von psychischem Missbrauch / Mobbing, dann hole dir bitte unbedingt wohlwollende Unterstützung an die Seite von jmd., der sich mit der Thematik auskennt und dir auch das Gefühl geben kann, dass du bei demjenigen gut aufgehoben bist. Du solltest eine gute Psychoedukation – auch bzgl. möglicher Vorgehensweisen mit solchen Menschen, die das tun und Regulationstechniken – erhalten können, um aus einer solchen Situation so schnell wie möglich heraus zu kommen. Denn auch starke Menschen mit einem gefestigten Umfeld können unter Mobbing sehr leiden und psychische oder körperliche Schwierigkeiten bekommen. Du bist nicht alleine!

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Ganz herzlichen Dank für deine Unterstützung! 💖
Literaturquellen
Röck-Svoboda, Waltraud (Mag.): Das rangdynamische Positionsmodell nach Raoul Schindler – aus gruppen- und organisationsdynamischer Sicht, 1993;
Download: https://www.roeck-svoboda.at/app/download/10946447373/DAS+RANGDYNAMISCHE+POSITIONSMODELL+nach+R.+Schindler_SKRIPTUM+2014+.pdf?t=1544380767 [letztmalig abgerufen am 22.09.2024].
Gini, Gianluca: Bullying as a Social Process: The Role of Group Membership in Students Perception of Bullying and Sense of Safety, Journal of School Psychology, 2006 (Verweis auf Salmivalli, C., Lagerspetz, K., Björkqvist, K., Ö sterman, K., & Kaukiainen, A. (1996). Bullying as a group process: Participant roles and their relations to social status within the group. Aggressive Behavior, 22, 1 – 15.).
Keller, Irmtraud Bräunlich: Mobbing am Arbeitsplatz – wie wehre ich mich? (S.14-15). Beobachter-Edition / Kindle Version, 3. überarbeitete Auflage, 2017, Ringier Axel Springer Schweiz AG (2006).
Kolodej, Christa: Psychologische Selbsthilfe bei Mobbing: Zuversicht, Vertrauen, Veränderung (essentials), Springer Fachmedien Wiesbaden. Kindle-Version, 2018.
Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen: Sozialpsychologie (S.29). Musaicum Books. Kindle-Version.
Wikipedia-Eintrag zum Thema „Mob“: https://de.wikipedia.org/wiki/Mob [zuletzt abgerufen 03.11.2024].
Bildquelle
4117354 | canva Pro | pixabay
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