Psychodynamische Abwehrprozesse: Projektion & narzisstische Familiensysteme


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Psychodynamische Abwehrprozesse und Narzissmus

Einleitung psychodynamische Abwehrprozesse

Psychodynamische Abwehrprozesse haben konzeptionell grundsätzlich ihren Ursprung in der Psychoanalyse von Freud. Diese Abwehrprozesse sind etwas grundmenschliches und dienen dazu, bedrohliche, schmerzhafte oder sogar gesellschaftlich nicht akzeptierte Affekte, Gefühle, Verhaltensweisen, Denkmuster etc. – alles, was uns innerpsychisch in einen Konflikt bringt – irgendwie aufzulösen und damit umzugehen.

Gefühle könnten zum Beispiel sein: allen voran Scham oder Angst, Schuldgefühle oder auch Hilflosigkeit etc. Diese wollen wir damit gerne händelbar machen – entweder ganz abwehren oder zumindest abschwächen, damit wir besser damit klarkommen. Das heißt, diese psychodynamischen Abwehrprozesse sind grundsätzlich etwas Menschliches, nichts Pathologisches. Abwehrprozesse an sich haben also nichts mit einem krankhaften Verhalten zu tun, sondern sie sind grundmenschlich und dienen dem Menschen als Schutz. Das ist erst mal etwas Gutes und auch ganz wichtig.

„Reife“ und „unreife“ Prozesse

Unter den psychodynamischen Abwehrprozessen gibt es die sogenannten reifen und unreifen Abwehrprozesse, die man im Grunde auch als „konstruktive“ und „destruktive“ Prozesse beschreiben könnte. Das hat so ein bisschen etwas damit zu tun, wie man mit den abzuwehrenden inneren Konflikten genau umgeht. Verleugne ich mich zum Beispiel selber? Werte ich andere sehr stark ab? Ziehe ich alles ins Negative / Lächerliche und gehe auf eine Weise damit um, die eher schädlich ist? Oder nutze ich diese inneren Konflikte z. B. in irgendeiner Form positiv? Kann also jemand z. B. die Wut, die sich in ihm aufstaut, oder sein Hilflosigkeitsgefühl irgendwie kreativ umsetzen? Kann derjenige dieses Gefühl z. B. in einem Bild oder in Musik verarbeiten oder so etwas?

Diese psychodynamischen Abwehrprozesse funktionieren erstmal überwiegend unbewusst. Überwiegend unbewusst heißt: Wenn es gleich darum geht, dass Narzissten auf ihre Kinder projizieren und darüber dann dem Sündenbockkind gegenüber eine Kette des Missbrauches in Gang gesetzt wird, dann kann man meiner Meinung nach nicht mehr unbedingt von ausschließlich unbewussten Zügen sprechen. Sondern irgendwann wird das demjenigen auch klar sein, und er braucht immer mehr auch bewussten Aufwand, um diesen Missbrauch auch wirklich vor sich selbst zu rechtfertigen etc.

Das heißt, ich sage wirklich ganz bewusst: Diese Abwehrmechanismen dienen überwiegend unbewusst dem Schutz, sind grundsätzlich menschlich (also nichts, was speziell Narzissten betrifft) und sie treten nicht einfach alleine auf. Das ist so ein bisschen auch wie bei Manipulationstechniken: Um die zu verstehen, lohnt es sich, eine einzelne Taktik anzuschauen, obwohl sie normalerweise nicht isoliert angewendet werden. Genauso lohnt es sich auch hier, einen einzigen psychodynamischen Abwehrprozess zu beleuchten, um ihn zu verstehen, aber grundsätzlich ist das ganze Thema miteinander verstrickt und verwoben und arbeitet mit anderen inneren Prozessen zusammen – mit gewissen Umständen im Außen und im Innen. Das heißt, man darf das nie so stark vereinfacht sehen, dass es nur diesen einen Prozess gibt – dass man also z.B. immer nur eine Projektion erkennt und diese Projektion nur die Projektion ist. Sondern das arbeitet alles Hand in Hand mit weiteren Prozessen. Sie treten also überwiegend unbewusst auf, und vor allem auch häufig gepaart mit anderen inneren psychischen Prozessen.

Kurzer Hinweis zu Abwehrmechanismen und Narzissmus

Einige Persönlichkeitsstörungen – und jetzt kommen wir so langsam in Richtung unseres Themas – vor allen Dingen diejenigen Persönlichkeitsstörungen, die sehr manipulativ sind, sind dafür bekannt, sich dieser Abwehrmechanismen auf extreme Art und Weise zu „bedienen“. Jetzt geht es hier überwiegend um Narzissmus, und ich möchte das auch gerne beibehalten und nicht ausweichen auf andere Persönlichkeiten, sondern das gerne auf die narzisstische Persönlichkeitsstruktur beziehen. Der Begriff „Narzissmus“ meint bei mir immer eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur und NICHT die Diagnose NPS.

Der psychodynamische Abwehrprozess der Projektion

Was ist jetzt konkret Projektion? Projektion hat damit zu tun, eigene innere Elemente wie zum Beispiel Wünsche, Denkmuster, Vorstellungen, Gedanken, Affekte – also Stimmungen, Gefühle – vor allen Dingen diejenigen, die einen innerpsychischen Konflikt auslösen bzw. die man nicht haben möchte, die man nicht fühlen und nicht denken möchte, abzuspalten.

Diese werden von der Psyche abgespalten, quasi heraus „katapultiert“ – also aus demjenigen, der projiziert – und auf einer anderen Person, „abgelegt“. Diese andere Person dient dann als Projektionsfläche.

Das eigene Innere wird dann sozusagen aus der Vorstellung herausgelöst, dass es zum eigenen Selbst gehört – also die eigene Scham, die eigene Schuld, die eigene Hilflosigkeit – und jemand anderem zugeschoben. Dort kann derjenige, der projiziert, diese Gefühle und Affekte verurteilen oder bekämpfen.

Der Sündenbock als permanente Projektionsfläche

Eine narzisstische Mutter oder ein narzisstischer Vater teilt die Kinder in Gold- und Sündenbockkinder ein. Es gibt weitere Rollen, aber wir nehmen jetzt mal diese beiden. Das geschieht durch den sogenannten Abwehrprozess der Spaltung, der damit ganz eng verknüpft ist (übrigens auch typisch für Narzissten oder auch Borderliner).

Das Problem daran ist: Der Sündenbock ist an allem schuld, er ist immer falsch. Er verkörpert irgendwann den Selbsthass, die Schuld und die Scham der narzisstischen Mutter oder des narzisstischen Vaters und diese Emotionen werden dann auf diesem Kind bekämpft. Und das macht es so zerstörerisch, weil dieses Abgespaltene, was derjenige selber nicht fühlen möchte – dieser ganze Selbsthass beispielsweise – dadurch sichtbar wird, weil er das auf die Projektionsfläche, auf sein Gegenüber, auf sein Kind, projiziert. Er hat jetzt eine personifizierte Form dieses Selbsthasses, den er auf dieser Person bekämpfen kann. Dieses Kind kann nichts dafür. Niemals! Das ist einfach nur die Projektionsfläche und nichts davon hat auch nur ansatzweise mit diesem Kind zu tun.

Darüber gibt es dann wieder andere Dinge, wie zum Beispiel die projektive Identifizierung, die sehr, sehr schlimm ist für diese Kinder – wie gesagt durch die Spaltung, die damit einfließt, und weitere Dinge, weitere Manipulationstechniken und Taktiken, die damit zu tun haben – alles Abwehr, um keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Also für den Narzissten oder die Narzisstin sind das Mittel, um selber keine emotionale Verantwortung zu übernehmen. Hochgradig zerstörerisch für diese Kinder, also für diejenigen, die als Sündenbockkinder aufwachsen! Auch wenn das Goldkind auch niemals in tatsächlicher Sicherheit ist, so muss man sagen: Beide Kinder wachsen in unterschiedlichen Welten auf und beide erzählen auch als Erwachsene von unterschiedlichen Erlebnissen. Beide nehmen ihre Kindheit komplett unterschiedlich wahr.

Sündenbockkinder sind quasi dazu da – das ist eine ihrer Aufgaben in dieser Rolle –, den Narzissten oder die Narzisstin auf psychischer Ebene zu stabilisieren. Das Sündenbockkind dient als Projektionsfläche für alles, was der Narzisst in sich selbst ablehnt, und durch die Spaltung steht dann das Kind als die personifizierte „Bösartigkeit“ da.

Durch die Rolle des Sündenbockkindes wird aber in narzisstisch geführten Systemen nicht nur der Narzisst selbst stabilisiert, sondern die gesamte Familie. Das heißt, auf dem Kind wird einfach psychologisch alles abgelegt, projiziert, alles auf ihm abgeladen, und es wird dann auch gerne abgesondert, aufs Zimmer geschickt, rausgeschmissen oder Ähnliches, damit man sich damit bloß nicht mehr identifizieren muss. Das heißt, dieses Sündenbockkind hat die wichtigste und stabilisierendste Aufgabe innerhalb der Familie – so traurig und abscheulich das ist. Es trägt die gesamte Verantwortung für alles und jeden in diesem System. Und das ist wirklich traurig, weil diese Kinder dadurch sehr, sehr krank werden können. Teilweise haben wir es hier mit purer Zerstörung zu tun, die dahintersteht – je nachdem, wie die individuelle Konstellation zu Hause tatsächlich ist.

Und es ist wirklich hochgradig gefährlich, sowohl psychisch als auch körperlich, für diese Kinder, in solchen Familien aufzuwachsen. Und mir fällt immer wieder auf, dass Menschen, die auch aus dem therapeutischen oder pädagogischen Feld kommen, die Gefahr für diese Kinder gar nicht als Gefahr und dadurch auch nicht wirklich als traumatisierend wahrnehmen.

Da wird immer gerne gesagt, von Seiten der Kinder sei das alles subjektiv, die haben das halt so wahrgenommen, und deswegen „müssten „soollten wir das ernst nehmen“, um demjenigen, der dann später in der Therapie landet, das Gefühl zu geben: Ja, da war was, was du subjektiv als Kind damals als schädlich wahrgenommen hast oder als gefährlich – es war aber nur subjektiv und eigentlich gar nicht real. Denn du hast ja Essen bekommen, du hast ja Klamotten bekommen, du bist ja versorgt worden, du warst ja nie wirklich in Gefahr………

In meinen Augen ist es hochgradig gefährlich, so etwas zu denken, und führt innerhalb der Gesellschaft weiterhin zu Täterschutz. Es schürt weiterhin den Schutz solcher Eltern, und es bringt uns überhaupt nicht weiter, dass wir diesen Missbrauch, der dahintersteckt, einfach hinnehmen und dem Opfer – dem Sündenbockkind, ob als Erwachsener oder als Kind – sagen: Das war / ist alles subjektiv und du musst selber damit klarkommen.

Wir schützen dadurch den Täter, weil wir ihn nicht zur Verantwortung ziehen, weil er oder sie nichts ändern muss.

Und in meinen Augen stimmt das auch so nicht, denn diese Kinder sind teilweise wirklich in Gefahr und das wussten sie auch! Es gibt wirklich Situationen, in denen Narzissten und Narzisstinnen überhaupt nicht in der Lage sind – dadurch, dass sie keine Empathie haben – ihre Kinder zu lieben. Sie können nicht lieben, sie versorgen ihre Kinder teilweise sogar sehr „mechanisch“ und im Funktionsmodus.

Ihre Empathie ist eine sogenannte „kalte“ Empathie, sie haben also einen eklatanten Mangel an Empathie. Und es ist schon so, dass, wenn Kinder von Narzissten und Narzisstinnen sich z. B. verletzen, diese Eltern das Gefühl haben: Die Kinder gehören zu ihnen, und sie selber haben keine Schmerzen – also kann der Schmerz des Kindes auch nicht so groß sein… Dadurch kommen dann Sätze wie: „Stell dich nicht so an, ist doch nur … Du hast du dir doch nur die Stirn angeschlagen“, dabei hat das Kind vielleicht eine Gehirnerschütterung, weil es von der Schaukel schwer gestürzt ist oder so etwas. In meinen Augen ist das wirklich hochgradig gefährlich. Es gab schon Geschichten, von denen ich gehört habe, wo sich ein Kind etwas gebrochen hat und mit ihm nicht zum Arzt gegangen worden ist, weil keine Notwendigkeit dafür erkannt wurde. Und die Kinder wissen das, weil sie mit allem auf das Überleben auf diese Eltern angewiesen sind.

Externalisierung des/der Narzisst*in & Projektive Identifikation des Sündenbocks

In einer sehr stark dysfunktionalen, narzisstisch geprägten Familie findet dieses Aufprojizieren in einer sehr intensiven Art und Weise statt, um dem Gegenüber alles mit Nachdruck aufzuprojizieren, was der narzisstische Elternteil oder die narzisstische Bezugsperson selber nicht spüren möchte. Meistens ist das auch sehr gefühlsgeladen, und diese Eltern sind dann häufig extrem sauer auf das Kind oder sie unterstellen ihm, dass es ein extremer Störenfried ist. Da ist meistens ganz viel Drama drum herum. Und dann passiert das Hervorholen und Aufprojizieren auf eine so intensive Art und Weise, dass sich das Kind mit dieser Projektion, die auf ihm als Projektionsfläche „landet“ – identifiziert. Anfangs ist das vielleicht noch eher oberflächlich, aber durch gewisse Persönlichkeiten, wie zum Beispiel Narzissmus, geschieht das so extrem, dass sich die Kinder dann tatsächlich mit dieser Projektion identifizieren, also dem Selbsthass, dem Störenden, dem Unwürdigen, dem Hilflosen, dem Ängstlichen usw. Das nennt man auch projektive Identifikation. Das heißt, das Kind identifiziert sich irgendwann wirklich mit Aussagen wie: „Ich bin der Wütende“, „Ich bin schuldig“, „Ich muss mich schämen“. Es gibt vielleicht gar keinen Grund in dem Moment, aber das Kind bekommt das so stark in seine eigene Psyche hineinprojiziert, dass es das als Selbstbild übernimmt und introjiziert.

Das Narrativ um das Sündenbockkind

Und dadurch, dass narzisstische Eltern um ihre Sündenbockkinder zusätzlich Narrative spinnen, das heißt, sie projizieren nicht nur, sondern sie erzählen auch im Außen: „Dieses Kind ist wirklich das Letzte“, „Mein Kind ist so schwierig“ usw., rechtfertigen sie nach außen: „Ja, dieses Kind ist wirklich super schwer erziehbar, das ist nur noch aggressiv, das ist nur noch wütend“ und so weiter.

Und darüber entsteht dann häufig auch der sogenannte „identifizierte Patient“. Der Begriff kommt aus dem Systemischen und meint eigentlich die Projektionsfläche, die ein Kind darstellt für das Problem der Erwachsenen, womit diese sich nicht auseinandersetzen und was sie nicht fühlen wollen etc. Einen Beitrag, in dem ich unter Anderem genauer auf den identifizierten Patienten eingehe, findest du bei Interesse hier: LINK.

Man muss an dieser Stelle auch dazusagen: Ein narzisstisch geprägtes, dysfunktionales Familiensystem gleicht einer Sekte. Das hat mit einem wohlwollenden Elternhaus in der Regel ja überhaupt nichts zu tun, sondern das hat mit purer Herrschaft und Kontrolle zu tun.

Übrigens ist sowieso das Wichtigste bei Narzissten und Narzisstinnen das Machtgefälle. Das ist auch in Alltagssituationen so: Wenn man jemanden gar nicht kennt und zum Beispiel an irgendeinem Schalter auf einen Narzissten oder eine Narzisstin trifft und diese Person einen dann nur abwertet – es muss immer ein Machtgefälle hergestellt werden. Für diese Menschen ist das ganz wichtig.

Verbot (sichtbar) zu fühlen & Klärungsunfähigkeit des/der Narzisst*in

Mit relevanten Manipulationstaktiken, wie zum Beispiel der Schuldumkehr (Video & Blogbeitrag findest du bei Interesse hier: LINK), dem Verbot dem Kind gegenüber, machen sie das Kind häufig mürbe und provozieren emotionale Reaktionen, wie beispielsweise Wut. Gleichzeitig verbieten sie dem Kind häufig, diese Wut zu spüren oder auszuleben, was innerpsychisch im Sündenbockkind enormen Druck ausübt, da es damit nicht umgehen darf. Außerdem ist es der elterliche Job, Kinder zu co-regulieren, was Narzissten generell nicht tun. Das Kind steht häufig vollkommen hilflos mit seinen Gefühlen da, ohne sie regulieren zu können, was selbst als Erwachsener dann häufig nicht einfach ist, weil Regulation nie gelernt wurde.

Narzisstische Eltern tragen selbst unfassbar viel Wut (und Hass) in sich, und die bricht häufig einfach grundlos heraus. Das haben mittlerweile auch ganz viele Studien belegt. Der Grund dafür ist, dass etwas aus weiter Vergangenheit sie wütend macht, dass vielleicht Grenzen überschritten worden sind und so weiter. Das heißt, damals hätte es einen Grund gegeben, aber diese Wut ist nicht aufgearbeitet, sie ist abgespalten und wird dem Kind einfach ungefiltert entgegengeschmettert, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet.

Das heißt, es gibt weder einen Grund für die Wut noch eine Möglichkeit, eine Auflösung dafür zu finden, damit das Kind irgendwie damit umgehen kann. Das heißt auch: Bei der Projektion gibt es niemals eine Klärung. Narzissten und Narzisstinnen wollen auch keine. Klärung, Augenhöhe und solche Dinge sind nicht vorgesehen. Respekt ist nicht vorgesehen. Empathie, sich einfühlen, Mitgefühl – das ist alles nicht vorgesehen und unerwünscht, weil das bedeuten würde, der Narzisst kann seinen Kontrollwahn und seine Machtspielchen nicht ausleben.

Und das macht es wirklich unfassbar schwierig für diese Kinder, überhaupt eine Orientierung im Leben zu bekommen. Die sind oftmals völlig lost. Die haben keine sinnvollen Regeln. Da passiert ganz viel, was dem Gaslighting total nahekommt. Und dadurch werden sie mundtot gemacht. Gerade die Sündenbockkinder sind ja die, die Fragen stellen. Sie werden dadurch unglaubwürdig gemacht, damit nach außen der Missbrauch und das wahre Familienleben nicht aufgedeckt werden kann. All das macht es diesen Kindern so unfassbar schwer, auch später als Erwachsener damit umzugehen – mit dem, was da in ihnen ist, womit sie sich identifizieren, was aber eigentlich überhaupt nicht zu ihnen gehört und auch häufig völlig grundlos ist. Es macht einfach alles keinen Sinn. Sündenböcke sind ja nicht „bescheuert“, sondern sie sind verwirrt worden. Aber sie versuchen trotzdem, das zu verstehen und zu verarbeiten. Sie sind diejenigen, die immer versuchen, die Familie zu stützen, sie sind die, die Verantwortung tatsächlich übernommen haben, weil sie keine andere Wahl hatten. Sie haben sich das nicht ausgesucht, sondern sie wurden dazu gemacht. Sie wurden in diese Rolle hineingedrückt.

Wie Sündenbockkinder in der Schuld gehalten werden

Es gibt rein gar nichts, was Sündenbockkinder real getan haben, nichts, was sie wirklich falsch gemacht haben. Auch Sündenbockkinder sind Menschen. Das heißt, irgendwo im Leben passiert immer irgendetwas, wofür wir uns schuldig fühlen können – und das wird dann auf sehr perfide Art von Narzissten genutzt, um demjenigen zu beweisen: „Siehst du, ich habe doch gewusst, du bist der schlechteste Mensch auf der ganzen Welt. Du bist nicht gut genug, du bist dieses, du bist jenes, du bist vor allen Dingen schuld – schäm dich in Grund und Boden“ und so weiter.

Und die Sündenbockkinder haben wirklich große, große Schwierigkeiten, später da auch rauszukommen. Es ist nicht nur die Orientierungslosigkeit in dem Moment oder der direkte Missbrauch, sondern der Missbrauch trägt sich darüber hinaus noch weiter bis ins hohe Alter, wenn die Betroffenen das nicht verstehen können, nicht in Worte fassen können, nicht verarbeiten können, was sich in Identitätsproblemen, der Unfähigkeit, Bedürfnisse und Ressourcen zu erkennen, der Schwierigkeit, Grenzen adäquat setzen zu können, und vielen weiteren Problemen äußern kann.

Und ganz oft ist es so: Die Sündenbockkinder wollen, dass eine Lösung entsteht, weil sie in der Regel nicht die Narzissten sind, sondern meistens die empathischen Kinder. Sie lassen Grenzen überschreiten, nehmen zu viel auf, tragen das alles, weil sie so durchlässig sind – und auch dazu gemacht worden sind, so durchlässig zu sein. Dadurch haben sie so viel Empathie, dass es oft eher zu viel ist, dass sie eher überschwemmt werden von diesem ganzen empathischen Verstehen-Wollen. Und das werden dann die „People Pleaser“, die dann schauen: Geht es allen gut? Ist wirklich alles in Ordnung?

Der Klärungs- und Lösungsfindungswunsch des Sündenbocks

Sündenböcke versuchen häufig, eine Lösung zu finden. Und zu dieser Lösung, wenn sie jetzt verstanden haben, da ist Narzissmus mit im Spiel, kommen noch die ganzen gesellschaftlichen „Narzissmus-Versteher“ und Täterschützer dazu, die einem erklären wollen: „Ja, aber die Narzissten hatten es ja auch nicht leicht“ und so weiter, dann ist einer der Wege: Entweder du ziehst dich komplett raus, weil du in dem Moment so involviert bist, dass du kurz davor bist, zusammenzubrechen, und als Notbremse in den No Contact gehen musst, oder du brichst zusammen, weil du merkst, alles war Absicht, du solltest leiden, und Lösungen sind gar nicht erwünscht.

Und häufig gibt es dann Jahre später WIEDER genau denselben Punkt, an dem man sich sagt: „Okay, jetzt habe ich aber ganz viel verstanden und geheilt und es geht ja auch um meine Familie usw., jetzt möchte ich gerne versuchen, es noch einmal zu klären. Ich möchte denen sagen, woran es liegt, ich möchte ihnen sagen, dass ich nicht böse auf sie bin oder dass man diesen Konflikt endlich klären kann.“

Und was passiert dann? Dann wird es richtig dramatisch für den Sündenbock. Denn dann wissen alle: Der Sündenbock hat es kapiert – und der Sündenbock wird jetzt noch krasser zur Gefahr!

Ich kann nur jedem Sündenbock da draußen raten: Gehe in den No Contact oder in den Low Contact. Wenn das nicht geht und du innerlich vielleicht im Traumaband hängst, das dich immer wieder zurückzieht, dann hole dir Unterstützung. Das heißt, es ist nicht für jeden das Richtige, den Kontakt prompt komplett abzubrechen – das kann auch sehr gefährlich werden. Aber schütze dich wirklich davor, denjenigen zu sagen, dass du es weißt!

Und ich weiß, das ist gar nicht so einfach, weil wir diese Klärung haben wollen. Narzissten wollen das nicht. WIR wollen diese Klärung, wie wir es schon immer wollten, damit endlich alle zufriedener leben können, damit endlich eine Lösung da ist. Das ist aber nicht gewollt. Denn in dem Moment, wo du ihnen das sagst, sehen sie ihren Missbrauch. Und dann geht es nicht mehr nur darum, dass du punktuell die Schuld bekommst für irgendetwas, was irgendwann mal passiert ist und sie darüber ihren Missbrauch für sich selbst rechtfertigen, sondern in dem Moment geht es darum, dass du ihnen den Spiegel vorhältst. Und dann sehen sie – oder müssten sehen –, dass sie jahrzehntelang tatsächlich Missbrauch betrieben haben. Und sehen sie ihre Täterschaft. Und das katapultiert sie so hochgradig in ihre eigene Schuld und Scham zurück, dass da komplett etwas in ihrem Kopf, in ihrer Psyche durchknallt.

Dann muss das Gegenüber tatsächlich zerstört werden, enterbt werden, so degradiert werden, dass es wirklich in der Klinik landet oder es brechen die schlimmsten Schmierkampagnen los – die pure Zerstörungswut. Deshalb nimm das bitte ernst! Versuche, die Mechanismen für dich zu verstehen und das Beste aus deinem Leben zu machen. Aber glaube nicht, dass du etwas erreichen kannst, indem du ihnen den Missbrauch vorhältst. Das wird in meinen Augen eher immer gefährlicher – je nachdem, wie manipulativ die Menschen sind, wie schwer der Missbrauch war und wie sehr sie ihren Selbsthass bereits früher auf dich projiziert haben.

Bedenke auch: Vielleicht gibt es ja nicht ausschließlichen psychischen Missbrauch, vielleicht steht da viel mehr dahinter, und alle haben es verleugnet, um die Familie zu schützen. Gerade in belasteten Familiensysteme gibt es häufig tiefgreifende Familiengeheimnisse. Und diese wollen sie auch weiterhin schützen und würden alles daran setzen, eher dich zu zerstören, wenn sie merken, ihr wackeliges System könnte auffliegen, als das Familiengeheimnis nun preiszugeben. Und dann wird es wirklich gefährlich. Dann ziehen wieder alle an einem Strang gegen den einen – und so, wie es schon immer war: Du bist derjenige, der den Kürzeren ziehen soll.

Also bitte ein bisschen vorsichtig sein…


Solltest du selbst betroffen sein von psychischem Missbrauch / Mobbing, dann hole dir bitte unbedingt wohlwollende Unterstützung an die Seite von jmd., der sich mit der Thematik auskennt und dir auch das Gefühl geben kann, dass du bei demjenigen gut aufgehoben bist. Du solltest eine gute Psychoedukation – auch bzgl. möglicher Vorgehensweisen mit solchen Menschen, die das tun und Regulationstechniken – erhalten können, um aus einer solchen Situation so schnell wie möglich heraus zu kommen. Denn auch starke Menschen mit einem gefestigten Umfeld können unter Mobbing sehr leiden und psychische oder körperliche Schwierigkeiten bekommen. Du bist nicht alleine!



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Literaturempfehlung

Mandeville, Rebecca: Rejected, Shamed, and Blamed: Help and Hope for Adults in the Family Scapegoat Role, Independently published 2021.

Reid, Jay: Growing Up as the Scapegoat to a Narcissistic Parent: A Guide to Healing, Independently published 2023.

Bildquelle

Lens of Movie Projector, by Ann H Pexels | Canva Pro


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