Narzissmus: Schwarzes Schaf, Sündenbock & Identifizierter Patient – Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Toxische & narzisstische Gruppendynamiken | Sündenbock | psychischer Missbrauch
Einleitung
In diesem Beitrag möchte ich gerne hauptsächlich zwei Begriffe einmal etwas näher mit euch beleuchten, die häufig synonym verwendet werden, nämlich die Begriffe des schwarzen Schafes und des Sündenbockes.
Und am Ende möchte ich noch auf einen dritten Begriff eingehen, der meiner Ansicht nach hier auch genannt werden sollte, nämlich den des sogenannten identifizierten Patienten, der aus meiner Sicht noch mal einige Ergänzungen beinhaltet, die ich für unsere Thematik der dysfunktionalen Familiensysteme und vor allem der narzisstischen wichtig finde.
Ich hatte ja gerade bereits gesagt, dass die Begriffe schwarzes Schaf und Sündenbock häufig synonym verwendet werden. Und wenn ich gleich auf die Metapher des schwarzen Schafes eingehe, dann können wir auch sehen, dass das auf eine Art und Weise auch stimmig sein kann, und auf eine andere Art und Weise der Begriffsverwendung aber eben auch nicht unbedingt. Jedenfalls nach meinem Verständnis. Ich selbst verwende, wenn es um psychischen und narzisstischen Missbrauch geht, ausschließlich den Begriff des Sündenbockes.
Und aus meiner Sicht ist es einfach essentiell, dass wir gerade bei Themen wie psychischem Missbrauch, Manipulation und so weiter lernen uns sehr differenziert auszudrücken, weil wir ganz feine Nuancen sonst nicht erkennen und unterscheiden können. Und das kann wiederum dazu führen, dass wir uns nicht adäquat ausdrücken können und darüber das ganze ein diffuses Gefühl in uns entsteht und wir wieder ein bisschen dissoziieren und uns wird vielleicht schwindelig, vor allem wenn wir selbst betroffen sind und uns erklären möchten und es bleibt alles beim Alten. Und um diese Thematiken in der Tiefe wirklich zu verstehen und wirklich auch in der Gesellschaft vielleicht, also meine Hoffnung geht zumindest dahin, dass wir gesellschaftlich auch etwas ändern können, dadurch, dass wir eben Aufklärung betreiben, möchte ich mit meiner Arbeit dazu beitragen, die Dinge ein bisschen differenzierter zu betrachten.
Das Schwarze Schaf
Okay, dann beginnen wir jetzt einmal mit der Metapher des schwarzen Schafes. Ganz früher waren Schafe von Natur aus eher dunkel, bis der Mensch Schafe mit weißem bzw. hellem Fell gezüchtet hat, weil diese sich natürlich viel besser einfärben lässt. Das führte dann allerdings dazu, dass Schafe mit schwarzer Wolle nicht gewollt waren. Diese wurden abgelehnt und teilweise sogar direkt nach der Geburt getötet. Und mit der Zeit wurden sie sogar abergläubisch als unheilbringend verteufelt. Das musste nicht so sein – es konnte gegebenenfalls auch Teil der Herde bleiben, aber schwarze Schafe wurden tendenziell abgelehnt und darin wurden sie auch sichtbar, dadurch dass sie anders waren als die anderen der Herde. Und blieb das schwarze Schaf Teil der Herde und wurde nicht direkt ausgesondert und umgebracht, kostete es mehr als es einbrachte. Es lag den anderen sozusagen „auf der Tasche“.
Auf den Menschen übertragen meinen wir mit der Metapher des schwarzen Schafes eigentlich jemanden, der durch seine Eigenschaften oder sein Verhalten innerhalb der Gruppe auf negative Art und Weise auffällt und damit auch sichtbar wird – und zwar dadurch, dass er sich nicht an die Regeln, Normen und Werte der Gruppe hält.
An demjenigen wird sichtbar, was nicht gewünscht ist. Und zwar meistens, weil derjenige auf die schiefe Bahn gerät, also z.B. kriminell wird oder beruflich nicht den Erwartungen entspricht, die man an ihn hat oder die man an die Gesellschaft hat oder die man innerhalb einer Familie z.B. an die Familienmitglieder hat. Und so derjenige z.B. der Familie oder der Gesellschaft „auf der Tasche liegt“. Derjenige gilt als rücksichtslos DEN ANDEREN gegenüber. Als schwarze Schafe betiteln wir beispielsweise auch Betrüger innerhalb eines Berufsstandes. Wenn wir dann praktisch übers Ohr gehauen worden sind, dann sagen wir so Sachen wie: „Schwarze Schafe gibt’s halt auch überall“.
Das heißt, ein schwarzes Schaf, so wie wir diesen Begriff eigentlich benutzen, ist jemand, der den anderen der Gruppe oder der Gesellschaft in irgendeiner Weise durch sein Verhalten tatsächlich schadet, sich nicht an Regeln hält und sich dadurch an anderen bereichert. Das bedeutet, die Ausgrenzung des schwarzen Schafes passiert hierbei eigentlich zum Schutz der Gruppe. Das schwarze Schaf ist, so wie wir diesen Begriff eigentlich verwenden, kein unschuldiges Opfer, sondern eigentlich meinen wir mit dem schwarzen Schaf den Täter – in unserem Fall wäre das nicht der Sündenbock, also das Opfer des Narzissten, sondern DER NARZISST wäre das schwarze Schaf!!!
Im familiären Kontext muss das sogenannte schwarze Schaf aber nicht unbedingt auf der schiefen Bahn landen, sondern dieses Familienmitglied kann auch als Regelbrecher oder sogenannter Rebell wahrgenommen werden, wenn es z.B. mit einer Familientradition bricht. Als Beispiel: In einer Unternehmerfamilie will plötzlich jemand Künstler werden oder sowas, und z.B. als Sänger im Camper um die Welt tingeln und das kann dem Rest der Familie sauer aufstoßen und sie würden dieses Familienmitglied vielleicht als das sogenannte schwarze Schaf der Familie bezeichnen. Derjenige würde vielleicht abgelehnt, vielleicht sogar ausgegrenzt werden. Dieses Familienmitglied kann dadurch zum Sündenbock werden und für alles Unheil und das, was in dieser Familie schief läuft, verantwortlich gemacht, offen beschämt und abgewertet werden.
Übergang Schwarzes Schaf – Sündenbock
Beim schwarzen Schaf geht es – wie bei allen 3 Begriffen – um ein Stellvertreterproblem dessen, was in der Familie nicht korrekt läuft. Denn man könnte denjenigen auch einfach respektieren, wie er ist.
Trotzdem ist das schwarze Schaf meiner Ansicht nach keine Rolle in dem Sinne, wie es z.B. der Sündenbock ist. Der Sündenbock – und ich komme ja gleich noch detailliert auf den Sündenock zu sprechen -, ist erstmal nicht unbedingt anders und der rebelliert auch nicht unbedingt, sondern er kann ein sehr braves und angepasstes Kind sein. Der Sündenbock kann auch gleichzeitig ein schwarzes Schaf sein, aber erstmal kommt nichts von ihm selbst, was die offenen Abwertungen und das häufig sehr scharfe Mobbing der Familie verursacht, sondern es könnte auch jedes andere Geschwisterchen zum Sündenbock gemacht werden. Der einzige „Fehler“ des Sündenbockes ist es menschlich zu sein, empathisch zu sein und die Wahrheit zu sagen und darüber als anders sichtbar zu werden in einer dysfunktionalen Familie, in der Dinge pervertiert und verunmenschlicht werden.
Der Sündenbock dient sozusagen aktiv und gewollt als Müllhalde für den Narzissten und über ihn auch für die anderen Familienmitglieder, die beim Mobbing mitmachen. Teilweise ja genau deswegen, weil sie Angst davor haben, selbst der Sündenbock zu werden. Die verstehen im narzisstischen Familiensystemen sehr, sehr gut, dass immer einer Schuld sein muss.
Der Sündenbock hat die konkrete Aufgabe und auch Schlüsselrolle, die Probleme der Familie zu tragen und damit die Familie auch zusammenzuhalten. Aber der Sündenbock hält mit seinem tatsächlich richtigen Verhalten und seinen guten Eigenschaften den Tätern auch ihren Missbrauch vor Augen. Das heißt, das Opfer des Narzissten, welches ich den Sündenbock nennen würde, wird sichtbar mit dem, was in dieser Gruppe, also in unserem Fall einer narzisstischen Familie, nicht gewünscht ist. Der aus meiner Sicht eher Sündenbock in der narzisstischen Familie ist ja, wenn wir bei dem Bild der Schafe bleiben, eigentlich das einzige weiße Schaf!!!
Der Sündenbock
Dann kommen wir jetzt gerne mal zum Sündenbock, um einen direkten Vergleich zum schwarzen Schaf zu haben.
Historischer Ursprung des Begriffes:
Der Begriff Sündenbock stammt aus dem Alten Testament der Bibel. Im dritten Buch Mose, Levitikus, Kapitel 16, Verse 8 bis 10, beschreibt das jüdische Jom-Kippur-Ritual die symbolische Entlastung der Gemeinschaft von Schuld. Zwei Böcke wurden ausgewählt. Einer wurde geopfert (also direkt getötet), der andere, der sogenannte Sündenbock, wurde mit den Sünden des Volkes beladen und in die Wüste geschickt. Dieser Akt der rituellen Entsühnung veranschaulicht die Externalisierung von Schuld zur Wiederherstellung des sozialen Friedens.
Der letzte tatsächliche Sündenbock wurde übrigens vor etwa 2000 Jahren geopfert bzw. in die Wüste geschickt und aus genau diesem gleichen Ursprung kommt übrigens auch unsere heutige Redewendung „jemanden in die Wüste schicken“, also jemanden loswerden, jemanden aus seinem Sichtfeld verbannen und am besten auch aus dem Verstand und so tun, als gebe es denjenigen nicht mehr.
Der Sündenbock ist rein von der Metapher nicht anders oder irgendwie auffällig, sondern er ist erstmal völlig willkürlich von jemandem ausgewählt worden. Er ist also weder in seinem Erscheinungsbild noch in seinem Verhalten irgendwie negativ auffällig. Die Böcke hätten theoretisch auch vertauscht werden können.
Zu beachten ist hier allerdings, es gibt auch Quellen, die den stärksten Bock als Sündenbock nennen, nämlich der stärkste von allen, also der mit einer Eigenschaft, die gewollt ist, der kann mehr Sünden tragen als ein schwächerer Bock und er kann in der Wüste länger durchhalten und damit die Sünden noch weiter vom Volk wegbringen. Und das ist eigentlich interessant, denn wir haben einmal den Vergleich, dass zwei Böcke willkürlich ausgesucht werden und sie sich nicht unterscheiden. Und einmal haben wir die Interpretation, dass der stärkste der Böcke der Sündenbock wird, damit er eben die Sünden so weit wie möglich vom Volk wegtragen kann, bevor er stirbt.
Und das passt sehr sehr gut aus meiner Sicht zum Sündenbock-Kind, denn das ist ja mein Hauptthema hier, die Sündenbock-Kinder, die in narzisstischen Familien aufwachsen, auch in anderen dysfunktionalen Familiensystemen, aber die Stärke des Sündenbock-Kindes ist und das haben mittlerweile Forschungen ergeben, dass sie die empathischsten Familienmitglieder sind. Und das müssen sie auch sein, denn wenn ein Kind sehr empathisch ist, hat es Eigenschaften, die andere so nicht haben und darüber kann es nämlich diesen ganzen Ablauf des Systems und die Aufgabe, die es hat, gewährleisten.
Wenn jemand sehr empathisch ist, dann kümmert er sich z.B. sehr stark darum, wie es anderen geht. Empathie ist eine grundmenschliche Eigenschaft, die aber unter traumatischen Bedingungen teilweise in den Hintergrund treten kann. Und bei Narzissten ist eben einfach pathologisch wenig Empathie vorhanden (= nur „kalte“ / kognitive Empathie). Sonst könnten sie das, wie sie mit anderen Menschen umgehen, nicht tun. Und das empathischste Kind kann diese Empathie aber nicht einfach so abstellen, weil die ist einfach da. Auch durch Traumata ist es ganz oft so, dass Überlebensmechanismen „gewählt“ werden (unbewusst), die eher was mit Anpassung zu tun haben, als mit dem Wegdrücken der Empathiefähigkeit. Und gerade die Sündenbock-Kinder, die ja häufig ohne Grenzen aufwachsen müssen, das heißt, sie dürfen selber ja keine eigenen Grenzen haben, das wird ihnen sehr strickt untersagt, sie selber stehen aber bei anderen sehr harten Grenzen gegenüber!
Und dadurch wird so ein Mechanismus in Gang gesetzt, dass sie praktisch über die Projektion des Narzissten und die projektive Identifizierung sehr viel aufnehmen, aber nicht mehr abgeben können. Das heißt, es wird nicht mehr verarbeitet. Die Sündenbock-Kinder sind wie ein Gefäß, indem sie das alles halten, was dysfunktional ist. Und das ist aus meiner Sicht – das ist jetzt meine persönliche Meinung – die Eigenschaft, die gebraucht wird in narzisstischen Familiensystemen, um ein Kind zum Sündenbock zu machen.
Das heißt, der Sündenbock ist sehr empathisch. Er ist sehr stark auch auf das Wohl anderer ausgerichtet, dadurch nimmt er sehr viel auf, durch die fehlenden Grenzen nimmt er emotional quasi noch mehr auf in sich und kann das aber durch die fehlende Co-Regulation der anderen in der Gruppe, die ihm noch dazu sehr, sehr harte Grenzen setzen, nicht mehr abgeben. Die Emotionen können nicht mehr fließen und er kann nicht mehr regulieren. Also seine eigenen Emotionen, alles was in seiner eigenen Psyche so los ist, kann er selber nicht mehr regulieren und er kann es aber auch nicht mehr abgeben, so dass sich alle gegenseitig regulieren.
Das heißt, die Familienhomöostase bleibt dadurch gewährleistet, dass der ganze Mist bei diesem einen Familienmitglied bleibt, also alles, worum sich die anderen nicht kümmern möchten, geben sie demjenigen ab, und er kann es aber nicht mehr an die anderen weitergeben und dadurch kann sich das System nicht mehr um die Probleme gemeinsam kümmern.
Und der Sündenbock hat entsprechend eine enorm wichtige Aufgabe, nämlich die Sünden der Menschen zu tragen, um den Frieden bei ihnen dadurch wiederherzustellen. Er trägt also nicht seine eigenen Sünden, die man einem schwarzen Schaf ja unterstellt, in die Wüste und somit weg von der Gruppe, sondern er trägt die Sünden der Gruppe selbst weg.
Bei der Schwarzen-Schaf-Metapher ist es eher so, dass die ganze Herde eine Aufgabe hat, nämlich weiße Wolle zu produzieren. Und jeder, der da quer schlägt, der wird quasi aussortiert.
Was auch interessant ist an der Metapher des Sündenbockes: Diese Metapher spricht nicht mehr von gleichen Wesen, also z.B. Schafen, sondern davon, dass eine Gruppe Menschen ein Tier mit einer Aufgabe versieht, das nicht menschlich ist. Und darin ist aus meiner Sicht auch die große Verunmenschlichung enthalten. Das heißt, in dieser Metapher finden wir die Komponente der Verunmenschlichung.
Sündenböcke sind also konkret dazu da, das Familiensystem zu stabilisieren. Im Grunde sind schwarze Schafe auch dazu da, die Gruppe zu stabilisieren, da finden wir einen ähnlichen Mechanismus dahinter. Die Sündenböcke haben aber die konkrete Aufgabe und zwar durch die aktive, also die bewusste Ausgrenzung der eigentlichen Sünder, die keine Verantwortung übernehmen für ihr eigenes Handeln, sondern sie sündigen und packen dann einfach ihre Sünden auf den Bock und der muss dann sterben und die Sünden ganz weit wegbringen, damit sie keiner mehr sehen muss.
Über diese Funktionalisierung und seine Aufgabe, die die Gruppe dem Sündenbock auferlegt, wird er in eine Rolle gedrückt, die ihm als Individuum nicht entspricht. Sie hat mit ihm persönlich oder mit seinem Verhalten überhaupt nichts zu tun und deswegen kann er an dieser Rolle auch nichts ändern, weil es eben nicht um ihn persönlich geht. Das heißt, es ist egal, was er tut oder nicht tut, er ist immer schuld. Er kommt nicht raus aus dieser Rolle. Diese Rolle ist ihm über ein Narrativ auferlegt. Egal wie er sich verhält, ob schwarz, ob weiß, ob grau, ob bunt, es ist komplett egal. Er ist der Sündenbock. Er ist und bleibt schuld, egal was er tut.
Der Sündenbock ist ganz konkret eine Art Menschenopfer!
Dieses Wort hatte ich auch schon mal verwendet in meinen Beiträgen über die Gruppendynamiken. Genau darum geht’s nämlich: Man opfert einen, um die Stabilität der ganzen Gruppe zu gewährleisten.
Mit Opfern ist dann quasi gemeint, man nimmt in kauf, dass derjenige psychisch Schaden nimmt, dass er körperlich Schaden nimmt oder dass er sonst wie erkrankt z.B. Das wird in kauf genommen und gerade in dysfunktionalen bzw. sehr stark narzisstischen Familiensystemen ist das der Fall, aber auch in anderen Gruppen und auch im großen Ganzen, also innerhalb der Gesellschaft können wir das auch beobachten.
Und gerade Narzissten verwenden das ja gerne, dass sie sagen, die ganze Gruppe ist gegen einen und alle können sich ja nicht irren, das geht ja nicht. Die manipulieren ja so lange die ganze Gruppe, bis die ganze Gruppe gegen diesen einen geht und denjenigen dann quasi ausschließt. Der Mechanismus hinter Ausgrenzung ist nämlich nicht, wie gerne vorgegeben wird, der Schutz vor der ausgegrenzten Person, wie wir das z.B. wir bei Straftätern hätten, die inhaftiert werden, sondern die psychologische Erleichterung und ein falsches Gefühl von Gruppenzugehörigkeit, weil der Ausschluss dieser einen Person verbindet praktisch die anderen. Das heißt, die haben dann alle was gemeinsam, wo sie eigentlich nichts gemeinsam haben.
Das heißt, die haben so eine Art so ein Fake-Gefühl von Gruppenzugehörigkeit, was dadurch erzeugt wird. Gesunde Gruppen brauchen das so nicht, weil sie Konflikte klären können. Das heißt, Konflikte lassen sich überall dort nicht klären, wo ohne Strategie dahinter steht. Also gerade wenn zwei Erwachsene sich gegenüberstehen und Konflikte haben, lässt sich das normalerweise entweder klären oder die beiden sind sich dann Spinnefeind. Aber das ist nicht die Gruppe, die dann gegen einen geht. Schon die Vierjährigen im Sandkasten wissen, alle gegen einen ist unfair und deshalb können sich Erwachsene hier auch nicht herausreden.
Es geht hier bei dem Gruppenausschluss also entsprechend um den Schutz der Täter in ganz anderer Hinsicht, nämlich nicht vor dem Fehlverhalten des Sündenbockes, dem angeblichen Fehlverhalten, sondern um den Schutz vor der Verantwortung für die eigenen Taten. Und genau das ist in der Metapher des Sündenbockes richtig gut dargestellt. Sowohl der psychologische Mechanismus dahinter als auch, dass der Sündenbock überhaupt nichts getan hat, was ihn dazu macht, sondern dass er sogar eine Qualität hat, die die anderen nutzen, um ihre eigenen Sünden abzugeben und sich vor der Verantwortung zu drücken.
Der Identifizierte Patient
Und dann haben wir eben noch den dritten Begriff, nämlich den Begriff des identifizierten Patienten. Das ist ein Begriff aus der Systemik und der meint speziell in Familiensystemen das Kind, das Symptome zeigt als Symbol für die Probleme, die eigentlich die Erwachsenen haben bzw. das gesamte System. Das Kind ist dabei praktisch der Symptomträger und wird dadurch zum Stellvertreter oder auch zum personifizierten Problem, dass es zu reparieren gilt. Diese Stellvertreterfunktion für das eigentliche Problem, was nicht der Einzelne hat, sondern die Gruppe betrifft, haben wir in allen drei Begriffen enthalten, sowohl im schwarzen Schaf, als auch im Sündenbock, als auch im identifizierten Patienten.
Das heißt, es geht bei allen drei Begriffen um die Auslagerung der eigentlichen Problematik und dadurch um die Stabilisierung des Systems. Es geht nicht darum, eine tatsächliche Lösung zu finden bzw. einzugestehen, dass alle des Systems an dieser Dysfunktion beteiligt sind. Auch wenn vielleicht Vieles dabei unbewusst abläuft, aber die Verursacher sind meistens erwachsen und wir dürfen nicht vergessen, dass gerade bei Narzissten sehr vieles sehr wohl sehr bewusst abläuft, was diesen Kindern tatsächlich schaden SOLL (denn auf diesen Kindern soll der eigene projizierte Selbsthass des Narzissten vernichtet werden).
Zwei Dinge sind mir jetzt aber noch besonders wichtig zum Begriff des identifizierten Patienten:
Mittlerweile hat man herausgefunden, dass mehr als die Hälfte der zum Sündenbock gemachten Kinder als geistig krank, emotional krank, als gestört, als schwer erziehbar oder auch als Lügner tituliert werden, und Familienmitglieder, die genau wissen, dass das Kind die Wahrheit sagt, nicht dem Kind zur Hilfe kommen und es gegen den Aggressor unterstützen, sondern das Kind als krank oder Lügner dastehen lassen und absichtlich den Umstand zum Nachteil des Kindes unaufgeklärt lassen.
Das fällt aus meiner Sicht unter die Rubrik des wirklich schweren Verrats, um es hier mal ganz konkret auf den Punkt zu bringen.
Wenn ein Kind bestimmte Symptome zeigt und es innerhalb der Familie z.B. als verhaltensauffällig oder schwer erziehbar oder besonders impulsiv z.B. gilt und sich die Familie angeblich nicht mehr zu helfen weiß, kann es nicht nur sein, dass dieses Kind tatsächlich krank ist oder ausschließlich die Dysfunktion der Familie nach außen zeigt, sondern es kann sein, dass dieses Kind tatsächlichem z.B. psychischem Missbrauch ausgesetzt ist.
Wird das von Ärzten oder Therapeuten nicht erkannt, dann kann es sein, dass diese Symptome z.B. mit Medikamenten unterdrückt werden, aber für das Kind sich überhaupt nichts ändert, sondern nur der Aggressor leichteres Spiel hat.
Denn wenn wir mal ehrlich sind, wer von uns Erwachsenen kann ad hoc psychischen Missbrauch erklären und wer von uns kann Ad hok Manipulationstaktiken und ihre Wirkmechanismen erklären? Und selbst wer von uns diese Dinge erklären kann, wird sich zehn mal überlegen, ob er sich damit gegen eine ganze Gruppe bzw. noch dazu seine eigene Familie stellen wird, die ihm ja sowieso nichts Gutes will. Sonst hätten wir das Thema Missbrauch und die Sündenbock-Thematik ja hier nicht auf dem Tisch liegen.
Das Kind ersetzt dann also die Therapie, die eigentlich die Erwachsenen bräuchten bzw. das gesamte System bräuchte. Das ganze System bräuchte auch einen Willen zur Einsicht, um dem Einzelnen tatsächlich auch diesen Missbrauch zu ersparen.
Jetzt ist es also so, dass wie ich gerade gesagt habe, das Sündenbock-Kind häufig als psychisch oder emotional krank oder Lügner als schwer erziehbar u.ä. offen tituliert und beschämt wird.
Es gibt aber auch noch ein zweites Phänomen, dass ich beobachtet habe, was ich gerne erwähnen möchte und zwar, dass die dysfunktionale Familie nicht nur nach außen, sondern auch innerhalb des Familiensystems eine überaus freundliche, hilfsbereite und fürsorgliche Familie sein kann, die mit aller Gewalt und sehr demonstrativ alle Mitglieder integriert, also auch diejenigen, die irgendwie auffällig sind und eigentlich als krank oder auffällig wahrgenommen werden, was ja erstmal ganz toll und wünschenswert aussieht. Also Familien, die den eigentlichen Sündenbock nicht ausgrenzen und denjenigen auch nicht zum schwarzen Schaf z.B. erklären.
Aber dysfunktionale Familiensysteme sind dysfunktionale Familiensysteme und in dysfunktionalen Familiensystemen gibt es Rollen wie den Sündenbock oder das Goldkind und noch weitere Rollen. Es gibt zudem Regeln, wie z.B. „Wir fühlen hier nicht!“. Es gibt ein Problem mit Grenzen und es gibt auch ein Problem mit der Kommunikation, also z.B. gibt es ganz häufig Double Binds oder Verwirrungstaktiken, die Menschen im wahrsten Sinne verrückt machen können und Umstände, die alle mit ihren eigenen Augen sehen können, werden vielleicht sogar verleugnet.
Und je freundlicher und hilfsbereiter die Bezugspersonen auftreten, desto weniger kommt der Verdacht auf – egal bei wem aus diesem System oder auch außerhalb dieses Systems -, dass hier z.B. verdeckte Narzissten am Werk sein könnten, aufgrund derer das Kind, aber auch der mittlerweile Erwachsene diese Symptome zeigt. Das heißt, das Sündenbock-Kind kann auch der Sündenbock als Erwachsener bleiben. Das ist sogar relativ wahrscheinlich. Und wenn es der identifizierte Patient ist, der schon als Kind Symptome gezeigt hat oder als Jugendlicher, dann kann es sein, dass derjenige auch diese Symptome als Erwachsener weiter beibehält und z.B. für immer Medikamente nehmen muss.
Und das ist wirklich eine ultra perfide Kombi, denn je nach Diagnose und je nach Situation innerhalb der Familie und auch je nachdem, ob es Fachkräfte gibt, die das irgendwann mal erkennen oder eben nicht erkennen, kann es sein, dass die Dysfunktion wie noch mal doppelt einzementiert wird und dass die Symptome des Betroffenen auch noch mal doppelt einzementiert werden. Und so kann es sein, dass hier ganze Leben zerstört werden und das nicht erkannt wird, weil alle denken, da sind ja alle total nett und freundlich. Und eine Diagnose entlastet dann in dem Sinne auch häufig, dass plötzlich eben keiner mehr so richtig Schuld hat (auch nicht der Sündenbock), denn die Krankheit ist jetzt in dem Fall sozusagen verantwortlich für das Verhalten dieses Sündenbock-Kindes oder die Probleme der Familie, aber die Erkrankung wird dadurch auch bei diesem Menschen stabilisiert, so dass er nicht gesund werden kann.
Das heißt, die Krankheit muss quasi erhalten bleiben, weil die Krankheit jetzt die Sündenbock-Thematik trägt und das Problem jetzt sozusagen noch mal eins weitergeschoben wird.
Wie gesagt, Vieles läuft vielleicht dabei auch unbewusst ab, aber die Verursacher sind wirklich meistens die Erwachsenen und wir dürfen nicht vergessen, dass gerade bei Narzissten sehr, sehr viel sehr wohl sehr bewusst abläuft, was gerade den Sündenbock-Kindern wirklich schaden SOLL.
Deswegen gehen Narzissten ja auch hausieren mit den Problemen der Kinder. Deswegen gehen Narzissten auch mit dem Narrativ hausieren, was sie dem Sündenbock-Kind auferlegen und so weiter.
Und hier braucht es aus meiner Sicht sehr viel mehr geschultes Fachpersonal, was die richtigen Fragen an die Betroffenen und vor allem auch an die Kinder stellen kann. Das sollte bei Ärzten und Therapeuten zur absoluten Grundausbildung dazu gehören, diese Umstände ausschließen zu können, bevor dem Kind eine Diagnose gestellt wird.
Und ich möchte jetzt nach diesem ganzen Horrorszenario, was ich jetzt hier so ein bisschen entwickelt habe, was aber nicht so gemeint ist, weil für mich ist es wirklich wichtig, dass wir lernen, einfach Dinge und Begriffe auch differenziert zu betrachten, weil gerade wenn wir dann ins Thema Manipulation reingehen, dann werden wir merken, dass ganz viel ja so einen Gaslighting-Effekt hat, auch einen Selbstgaslighting-Effekt hat, weil Vieles, was so unterschwellig brodelt, können wir nicht einkategorisieren und uns dann entsprechend auch nicht ausdrücken und das verursacht wieder diesen Nebel und diese Dissonanz. Und das ist einfach sehr gefährlich, was sich da in Gruppen bilden kann, was eigentlich in menschlicher Hinsicht normale Dinge sind, die auch zum Schutz dienen sollen. Es sind eigentlich Mechanismen, die einen positiven Zweck erfüllen möchten, aber durch das, was in unserer Gesellschaft drin hängt, eben sehr, sehr schnell, sehr, sehr dysfunktional wird und eben ja auch ein ganze Leben beeinflussen kann auf negative Art und Weise.
Ein optimistischer Blick
Ich möchte jetzt noch einmal kurz zum Sündenbockbild zurückkommen auf eine etwas positivere Art und Weise. Wichtig zu verstehen ist im Prozess, dass der Sündenbock eigentlich niemals außen stand. Der Sündenbock ist zwar ausgegrenzt worden und hatte die Aufgabe, die Familie zu stabilisieren und auch in anderen Mobbingkonstellationen hat er die Aufgabe, die Gruppe zu stabilisieren. Wichtig ist aber, dass er eine Schlüsselrolle hat und immer hatte und dass wir das häufig auch im Nachhinein, also auch heute noch als Fähigkeit nutzen und nutzbar machen können aus dem ganzen System des Missbrauches auszusteigen und uns gegenüber mit einem positiveren Blick an die Sache gehen können.
Der Sündenbock hat also eine Schlüsselrolle in dem ganzen System gehabt und er ist aus gutem Grund ausgewählt worden, so perfide das ist, aber er hat Eigenschaften, die ihn sehr, sehr menschlich machen.
Und gerade die Sündenböcke sind in der Lage, diese Mechanismen auch zu verstehen und wenn sie das richtige Handwerkszeug an die Hand bekommen, das auch auszudrücken. Das heißt, jeder von uns, der zum Sündenbock gemacht worden ist, ist in der Lage, etwas Positives in diese Gesellschaft mit einzubringen, egal in welchem Bereich und auch wenn das nur im ganz, ganz kleinen Bereich ist, und diese Mechanismen immer und immer und immer wieder vielleicht erklärbar und auch für andere Leute zugänglich zu machen.
Und ich hatte ja vorhin auch schon gesagt, als es um die Sündenböcke ging, dass sie dadurch, wie sie aufwachsen, keine Grenzen haben durften, aber eben selber sehr starken Grenzen z.B. entgegenstanden und über die Projektion des Narzissten und über die projektive Identifikation und die ganzen Introjekte, die sie aufgenommen haben, wie ein Gefäß für diese Dysfunktionalität sind oder waren. Und dieser Mechanismus, den kann man auch umdrehen, dass sie ein Gefäß für Positives werden.
Das dauert seine Zeit. Im traumasensiblen Prozess wird sich das automatisch irgendwann mit entwickeln, weil wir davon ausgehen können, dass alles in uns aufs Überleben und aufs Leben hin ausgerichtet ist und auf Funktionalität ausgerichtet ist. Das heißt, sowohl unser Bindungssystem als auch alles andere in uns war zu jeder Zeit für uns. Es diente zum Leben, zum Überleben und es ist alles als lebensfreundlich anzusehen, auch wenn wir heute uns großen Problemen gegenüber sehen, um damit irgendwie klarzukommen.
Aber diese Fähigkeiten kann man im Prozess, wenn wir sie integrieren, ins Positive umwandeln und eben ein Gefäß für Positives und für Regulation werden, wo die Energie und die Emotionen dann fließen können. Ja, und das ist ein, wie ich hoffe und denke, positives Bild, was ich dir gerne mitgeben möchte, dass das möglich ist zu heilen, dass es möglich ist, diese Dinge zu integrieren und dass es auch möglich ist, gerade für die Sündenböcke, die Dinge nachvollziehbar zu machen, sie ins Positive umzukehren und in die Welt zu bringen, als etwas, was uns als Menschen wieder mehr verbindet.
In diesem Sinne möchte ich es gerne dabei belassen. Ich hoffe, ich konnte selbst jetzt mit diesem Beitrag ein bisschen dazu beitragen, dass wir die Dinge differenzierter betrachten können – das schwarze Schaf, den Sündenbock und den identifizierten Patienten.
Solltest du selbst betroffen sein von psychischem Missbrauch / Mobbing, dann hole dir bitte unbedingt wohlwollende Unterstützung an die Seite von jmd., der sich mit der Thematik auskennt und dir auch das Gefühl geben kann, dass du bei demjenigen gut aufgehoben bist. Du solltest eine gute Psychoedukation – auch bzgl. möglicher Vorgehensweisen mit solchen Menschen, die das tun und Regulationstechniken – erhalten können, um aus einer solchen Situation so schnell wie möglich heraus zu kommen. Denn auch starke Menschen mit einem gefestigten Umfeld können unter Mobbing sehr leiden und psychische oder körperliche Schwierigkeiten bekommen. Du bist nicht alleine!

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