Groupthink (Gruppendenken) & der Sündenbock
Schuldumkehr als klassische Manipulationstechnik.
Einleitung
Ich hatte bereits einen Dreiteiler über Gruppendynamiken erstellt. Das ist schon eine ganze Weile her. Und in der ersten Folge von diesem Dreiteiler habe ich die Theorie der Rangdynamischen Positionen nach Raoul Schindler aufgegriffen, und erklärt, dass Gruppen sich in der Regel nach dem Schema Alpha, Beta, den Gammas und dem Omega strukturieren. Und diese Struktur ist so etwas wie eine Reinstruktur, die sich je nach Umständen und Gegebenheiten individuell anpasst, also auch z.B. je nach Persönlichkeitsstruktur des Alphas, also des Anführers der Gruppe. Falls dich dieser Beitrag interessiert, findest du ihn hier: LINK.
Das bedeutet, dass wir davon ausgehen, dass der Alpha, also die Führungsposition einer Gruppe z.B. der Vater, die Mutter, ein Chef, eine Chefin, oder wer auch immer die Gruppe leitet bzw. führt, ein Alpha sein kann, wobei auch mehrere Alphas sich diese Rolle teilen können. Alphas arbeiten immer in Richtung eines Zieles, an dem sich die Gruppe ausrichtet. Der Beta ist häufig so etwas wie der Berater, der dem Alpha am nächsten steht, selbst aber nicht die Gruppe führt. Die Gammas sind diejenigen, die die Ziele der Gruppe tatsächlich operativ umsetzen, und der Omega ist ganz häufig derjenige, der als Gegenspieler des Alphas agiert und die ganz natürliche Gegenspielerposition einnimmt, nicht weil er ihn stürzen möchte, ganz im Gegenteil, sondern häufig hat er selbst nämlich gar keinen Führungsanspruch, obwohl er – gerade in narzisstisch geführten Gruppen – meiner persönlichen Meinung nach meist die bessere Führungskraft für das Wohl der gesamten Gruppe wäre.
In der Sozialpsychologie ist es bekannt, dass ein „Gegenspieler“ innerhalb der Gruppe das Überleben und die Zielerreichung dadurch sichert, dass er häufig eine andere Meinung hat. Und darauf möchte ich hier gerne nochmal genauer eingehen, denn es gibt bestimmte Führungspersönlichkeiten:
- die gruppenorientierte und darüber sehr gesunde Führungspersönlichkeit
- die narzisstische Führungspersönlichkeit und
- die heroische Führungspersönlichkeit.
Beim heroischen Anführer ist es so, dass seine Ziele sich nicht „nur“ auf ihn selbst beziehen, sondern sich sehr konkret gegen die Gruppe richten. Um den geht es hier nicht. Ich möchte gerne die beiden Möglichkeiten gesunde / gruppenorientierte Variante und die narzisstische Führung beleuchten, weil das einfach mein Thema ist.
Was ist Groupthink (Gruppendenken)?
Bei mir geht es ja vor allem um die Sündenbock-Rolle in narzisstischen Gruppen und Systemen. Und über dieses Konstrukt, diese Theorie, möchte ich gerne heute einmal das Phänomen des sog. Groupthink, also Gruppendenken ableiten, und zwar einmal allgemein und dann möchte ich natürlich noch einmal ganz konkret darauf eingehen, wie sich das auf narzisstisch geführte Gruppen auswirkt, die ja immer einen Sündenbock brauchen. Denn darum geht es ja bei mir. D.h. ich möchte dieses System gerne übertragen auf mein Thema hier auf Youtube.
Kurzer Disclaimer an dieser Stelle: Ich bin keine Sozialpsychologin, d.h. alles, was ich hier sage, ist eine Mischung aus dem, was ich aus der Forschung als Laie gezogen habe und dem, was ich mir daraus ableite in Bezug auf mein Thema, also den Sündenbockmissbrauch in narzisstischen Systemen. Und ich verbinde hier auch Theorien verschiedener Fachrichtungen, also beispielsweise die systemische Theorie (siehe z.B. zum identifizierten Patienten, zu diesem Beitrag gelangst du hier: LINK) mit sozialpsychologischen Theorien und anderen. Es ist bei mir also insgesamt ein wenig interdisziplinär. Ich hoffe natürlich, dass du trotzdem weiterlesen magst und lass mich doch gerne wissen, ob du etwas ergänzen oder berichtigen möchtest, wie du das alles siehst oder ob du soetwas vielleicht auch sogar selbst erlebt hast.
Was „gesunde“ Gruppen ausmacht
Wichtig zu verstehen ist, was eine „gesunde“ Gruppendynamik ausmacht, da wir uns davon am Ende des Videos auch die Lösungen ableiten können, bzw. das Szenario, das eigentlich gesund wäre, auch um Menschen, die Narzissten einfach folgen (also die sog. Flying Monkeys und VOR ALLEM die Enabler, die sehr sehr stark für die Umsetzung des Missbrauches mitverantwortlich sind, oft ohne das richtig einordnen zu können) und dadurch zu Mobbingmittätern werden – und auch um diesen Menschen die Möglichkeit zu geben, eine Vorstellung von einer gesunden Dynamik zu bekommen, bei der keines der Gruppenmitglieder geopfert, gekündigt, oder sonst wie aus der Gruppe ausgeschlossen werden muss. Denn wir haben ja mittlerweile ein sehr großes Narzissmusproblem in der Gesellschaft und viele wissen gar nicht mehr, was es bedeutet, einer gesunden Menschlichkeit zu folgen, und was ein Schutzkonzept, wie Familie, Freundschaft etc. eigentlich leisten sollte, weil Narzissten das aus ihrer emotionalen Unreife heraus alles völlig verdrehen zu Täter-Opfer-Schauplätzen.
Und eine Grundregel für gesunde Gruppendynamiken lautet, dass Menschen flexibel und dynamisch sind. Das bedeutet, es gibt zwar eine mögliche Hierarchie, auf den Job bezogen beispielsweise den / die Chef:in, eine:n Teamleiter:in und dann das Team, jeder hat seinen Platz, seine Rolle und seine Aufgaben. Und dennoch kann jeder auch mal wechseln, z.B. seine Meinung äußern, die nicht allen anderen entspricht, um auf mögliche Schwierigkeiten hinzuweisen oder jmd. kann mal eine Aufgabe übernehmen, die normalerweise nicht seinem / ihrem Aufgabengebiet entspricht usw. In der Regel ist es möglich, dass alle gesehen werden und alle in Erfolg und Misserfolg irgendwie eingebunden sind. Gesunde Gruppen brauchen keinen Sündenbock, da sie sich alle zugehörig fühlen und für einander das Beste wollen, auch wenn es mal einen Konflikt gibt. Denn sie haben verstanden, dass der Erfolg sich potenziert, wenn alle gut zusammenarbeiten.
Und in der Sozialpsychologie ist bekannt, dass es sehr schlecht sein kann, wenn alle immer einer Meinung sind, da die einzelnen Mitglieder der Gruppe dann nicht mehr eigenständig denken, sondern es nur noch um z.B. Harmonie geht. Und dann werden Gruppen häufig sehr fehleranfällig. Das ist auch der Grund, warum eine gesunde Demokratie immer Meinungsfreiheit beinhaltet, solange diese niemandem tatsächlich schadet, sondern solange man darüber im Diskurs bleibt. Das ist sehr wichtig für eine gesunde demokratische Gesellschaft.
Was ist Groupthink?
Und genau an dieser Stelle kommen wir zu einem Konzept aus der Sozialpsychologie, das hier zentral ist – nämlich dem sogenannten Groupthink, einem Begriff, der maßgeblich von dem Sozialpsychologen Irving Janis in den 1970er Jahren geprägt wurde.
Janis untersuchte unter anderem außenpolitische Fehlentscheidungen und stellte sich die Frage, wie es sein kann, dass sehr intelligente, erfahrene Entscheidungsträger gemeinsam Entscheidungen treffen, die im Nachhinein sehr offensichtlich fehlerhaft, unrealistisch oder sogar katastrophal waren. Seine Erklärung war nicht mangelnde Intelligenz, sondern ein gruppendynamisches Phänomen: nämlich wenn der Wunsch nach Einigkeit, Harmonie und Geschlossenheit größer wird als die Bereitschaft, kritisch zu denken. Dann entsteht Groupthink.
Groupthink bedeutet also nicht einfach nur, dass Menschen innerhalb einer Gruppe einer Meinung sind. Es bedeutet, dass eine Gruppe beginnt, abweichende Perspektiven aktiv oder passiv zu unterdrücken, Risiken zu verharmlosen, Warnsignale zu ignorieren und sich selbst eine Art kollektive Unfehlbarkeit zuzuschreiben, und das alleine durch diesen Wunsch der Harmonie und Zugehörigkeit. Groupthink ist das Gegenteil vom Selber-Denken (!).
Janis beschrieb typische Symptome: nämlich eine Illusion der Unverwundbarkeit (das ist in Mobbingstrukturen extrem wichtig, weil sich die Verantwortung auf die Gruppenmitglieder verteilt und sie nicht mehr das Gefühl haben, selbst Täter zu sein), dann das Gefühl moralischer Überlegenheit (das ist ebenfalls ganz, ganz wichtig, gerade Narzissten moralisieren häufig sehr stark), dann die Abwertung von Außenseitern (auch sehr, sehr wichtig in Bezug auf narzisstische Führung), dann gibt es noch so eine ganz komische Selbstzensur (was für erwachsene Menschen eigentlich nicht normal sein dürfte) und darüber die Angleichung an die Gruppenmeinung, Druck auf Abweichler und die Entstehung sogenannter „Mindguards“, also Mitglieder, die aktiv Informationen filtern, um die Führung oder die Gruppenmeinung zu schützen.
Und wenn wir das jetzt übertragen auf die rangdynamische Struktur nach Raoul Schindler, dann wird es (für mich zumindest) ultrainteressant.
Mindguards
Mit Mindguards sind nämlich Gruppenmitglieder gemeint, die – meist nicht offiziell beauftragt, aber faktisch sehr wirksam – wie eine Art „Gedankenwächter“ fungieren: Sie filtern Informationen, halten kritische Stimmen vom Alpha fern, relativieren Warnsignale, diskreditieren Zweifel oder sorgen aktiv dafür, dass störende Perspektiven gar nicht erst Gehör finden. Ihre Funktion ist es, die bestehende Sichtweise der Führung und der Kerngruppe vor Irritation zu schützen, damit das Gefühl von Kohäsion (also Einigkeit und dem Wir-Gefühl) sowie moralischer Richtigkeit aufrechterhalten bleibt.
In narzisstisch geführten Gruppen übernehmen Mindguards häufig die Rolle von besonders loyalen Betas oder hochangepassten Gammas – oft identisch mit dem, was im Alltagsdiskurs als „Enabler“ oder „Flying Monkeys“ bezeichnet wird. Sie stabilisieren das Selbstbild des narzisstischen Alphas, indem sie Kritik als Angriff framen und den potenziellen Omega oder Sündenbock frühzeitig als „Störenfried“ markieren. Auf diese Weise verhindern sie nicht nur Korrektur und Selbstreflexion, sondern tragen aktiv dazu bei, dass der spätere Sündenbock isoliert, delegitimiert und schließlich aus dem System entfernt werden kann – nicht weil er objektiv schadet, sondern weil er Informationen oder Perspektiven repräsentiert, die das fragile Gleichgewicht der narzisstischen Gruppenstruktur gefährden würden.
Im Gegensatz dazu…
In einer gesunden Gruppe hat nämlich der Omega – also der Gegenspieler des Alpha – eine wichtige Funktion. Er sorgt dafür, dass blinde Flecken sichtbar werden – und zwar zum Wohle aller, nicht zu seinem eigenen Wohl in der Regel. Wir gehen hier von einer gesunden Gruppe aus und gesund ist immer FÜR ALLE, der Mensch ist ein Herdentier oder ein Rudeltier, er braucht in der Regel andere Menschen und möchte Zugehörigkeit und Verbindung. Und der Omega bringt gerne alternative Perspektiven ein. Er stellt Fragen. Er sorgt somit für Korrektur, wenn das nötig ist und das ist wichtig, genau wegen des Phänomens des Groupthink. Also die Gegenposition ist eine ganz natürliche und wichtige Rolle im System. Auch in evolutionärer Hinsicht ist das überlebenswichtig, weil Gruppen, die keine Kritik zulassen, strategisch extrem fehleranfällig werden.
Advocatus Diaboli
Und in der Sozialpsychologie haben wir sogar ein Instrument für Führungskräfte, die ihre Gruppen gesund und gruppenorientiert führen, nämlich das Instrument des sog. Advocatus Diaboli – also einer Rolle, die Gegenargumente sucht, wenn eine Gruppe argumentiert und Strategien auf bestimmte Ziele entwickelt.
In einer gesunden, gruppenorientierten Führung wird diese Funktion also nicht nur toleriert, sondern aktiv gewürdigt und ist äußerst gewünscht. Der Alpha – wenn er gruppenorientiert, emotional reif und nicht narzisstisch strukturiert ist – erkennt, dass Widerspruch kein Angriff auf seine Person ist, sondern ein Beitrag zur Stabilität und zur Zielerreichung des Gesamtsystems.
In narzisstisch geführten Gruppen jedoch geschieht in der Regel das Gegenteil. Und das können wir uns auch sehr gut anhand der Persönlichkeitsstruktur von Narzissten ableiten.
Dort wird ein Gegenargument oder beispielsweise der Hinweis auf eine bessere Fehlerkultur nicht als funktionale Ergänzung verstanden, sondern als Kritik, welche zur narzisstischen Kränkung führt. Denn alles bezieht sich immer und ständig auf den Narzissten. Es geht immer um ihn selbst und um seine Ziele, nie um das Wohl der anderen, es sei denn, durch ihren Schaden würde er zu Schaden kommen. Ansonsten geht’s um ihn.
Worum es dem Narzissten geht
Das Selbstwertsystem von Narzissten ist ja äußerst fragil, Narzissten sind emotional wie gesagt extrem unreif, und die innere Struktur ist derart instabil, dass die äußere Bestätigung zur zentralen Regulation wird. Narzissten brauchen andere Menschen also zwingend, auch wenn sie das nicht gerne zugeben, allerdings zu anderen Zwecken als nicht-narzisstische Menschen, also für Zufuhr, Anerkennung, Machtgefälle, sie wollen ja auch immer gewinnen – Menschlichkeit und emotionaler Schutz sind da völlig egal – all das brauchen Narzissten, um sich innerlich zu stabilisieren, um ihr grandioses Fake-Selbst aufrecht zu erhalten, da es sonst völlig kollabiert. Und das sind alles keine guten Voraussetzungen für die Gruppe, da so jemand keinen wirklichen Schutz bieten kann, denn Narzissten haben ja einen enormen Führungsanspruch, um ihre Macht nach außen zu präsentieren, aber sie sind innerlich gar nicht in der Lage, auch tatsächlich diese emotionale Verantwortung für die Gruppe zu tragen. Darum geht es ihnen auch nicht. Ihnen ist es häufig völlig egal, ob jemand aus der Gruppe krank wird. Ihnen geht es oftmals eher darum, überall erzählen zu können, was sie für eine tolle Position haben, wie machtvoll sie sind, wie erfolgreich sie darin waren, andere abzuzocken, und sie beanspruchen gerne auch den Erfolg ihrer Kinder für sich und erklären diesen zur eigenen Leistung. Darüber holen sie sich ihre Zufuhr.
Das bedeutet: Ein narzisstischer Alpha braucht Zustimmung, Bewunderung und Loyalität – nicht zur Zielerreichung der Gruppe, sondern zur Stabilisierung seines eigenen Selbstbildes.
Und jetzt entsteht eine gefährliche Konstellation: nämlich wenn der Omega – oder auch ein Gamma – eine abweichende Meinung äußert oder nicht so funktioniert, wie der Narzisst das gerne hätte, dann wird das nicht als Beitrag zur Qualitätssicherung verstanden, wie das in einer gesunden Gruppe der Fall wäre, sondern als Angriff auf die Identität der Führung bzw. als Schwäche, die vernichtet und ausgesondert werden muss.
Genau hier kippt die Dynamik in Richtung Groupthink.
Der Kipppunkt zum (narzisstisch geführten) Groupthink
Die Gruppe beginnt, sich um den Alpha herum zu organisieren, und nicht auf ein gruppenorientiertes Ziel im Außen zu fokussieren. Das Ziel ist praktisch immer der Alpha selbst. Harmonie wird wichtiger als Wahrheit. Loyalität wichtiger als Kompetenz. Und diejenigen, die widersprechen, geraten unter Druck. Weil die Gruppe nur über Manipulation zusammenhält und nicht auf echter Verbundenheit und Menschlichkeit. Das Nervensystem der einzelnen Mitglieder beginnt, sich auf den Machthaber auszurichten, da das noch in der unsicheren Situation die größtmögliche Sicherheit bietet.
Janis beschreibt, dass in solchen Gruppen oft eine subtile, manchmal auch offene Erwartung entsteht, „mitzuziehen“ – also der klassische Gruppenzwang entsteht. Selbstzensur setzt ein. Menschen denken vielleicht noch kritisch, äußern es aber nicht mehr. Und wenn sie es doch tun, werden sie – und das ist der entscheidende Punkt für mein Thema hier – nicht selten isoliert oder pathologisiert.
Denn ein zentraler Punkt der Groupthink-Theorie ist es, und das ist wichtig für die Lösung später, dass die Mitglieder der Gruppe, wenn sie einzeln und anonym befragt werden würden, sich häufig ganz anders, sogar teilweise komplett gegensätzlich äußern und verhalten würden, als sie das im Gruppengefüge tun. Da laufen viele einfach mit, ohne noch ansatzweise selbstständig zu denken bzw. sich ihrer Wahrheit entsprechend zu äußern. Und jetzt könnte man das natürlich als entlastendes Argument für die Mitläufer nennen, so nach dem Motto, das war halt Gruppenzwang. Aber wir haben es bei aller Liebe, hier mit erwachsenen Menschen zu tun, und da hört mittlerweile mein Verständnis für Missbrauch und Mobbing tatsächlich auf.
Und hier überschneidet sich Groupthink sehr stark mit dem Sündenbockmechanismus in dysfunktionalen bzw. konkret für uns hier narzisstischen Systemen.
Überschneidung Groupthink mit der Sündenbockthematik
In narzisstisch geführten Gruppen braucht das System eigentlich immer eine Projektionsfläche für all das, was die Gruppe von sich wegschieben möchte, für all das was, nicht sein darf, für all das, was diese Fake-Gruppenzugehörigkeit in Gefahr und ins Wanken bringt, also Spannungen, Fehler oder Misserfolge. Der Sündenbock übernimmt diese Funktion. Er oder sie wird zur Trägerperson des „Störenden“, des „Negativen“, des „Nicht-Passenden“. Und das stabilisiert die Illusion der restlichen Gruppe, gesund, loyal und moralisch überlegen zu sein. Das ist Wunschdenken, auf Basis von Angst, denn die Gruppe ist ja nicht stabil und gesund, sonst wäre auch jeder willkommen, der eine andere Meinung hat, denn das ist ein riesiger Schatz in Gruppen. Und wäre die Gruppe gesund, würde z.B. bei einem Rausgemobbten nicht der Nächste einfach ohne Gegenwehr dessen Position übernehmen.
Und das ist kein Zufall, sondern eine Abwehrstruktur.
Systemisch betrachtet handelt es sich um Externalisierung: Das Problem wird nicht als Strukturproblem erkannt, sondern personalisiert auf den Sündenbock, um etwas bzw. jemanden zu haben, auf dem man die eigentliche Problematik bekämpfen kann, ohne selbst die Verantwortung übernehmen zu müssen.
Unterstützer des Narzissten: Flying Monkeys & Enabler
Und hier kommen die sogenannten Enabler und Flying Monkeys sehr verstärkt ins Spiel – also diejenigen, die aktiv oder passiv die Dynamik unterstützen. Nicht immer aus Bosheit, sondern häufig auch aus Angst vor Ausschluss, aus Identifikation mit der Führung oder aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Wobei man sagen muss, dass wir es hier mit erwachsenen Menschen zu tun haben und es meiner Ansicht nach ein Irrglaube ist, dass erwachsene Menschen das alles nicht mitbekommen. Ich glaube eher, dass viel schief läuft, dass wir viel unverarbeitete Traumata haben, auch generell in der Gesellschaft, und dass viele Menschen einfach auch die Chance nutzen, wenn Mobbing legitimiert wird durch Führungspersonen etc. Ja, da spielt meiner Ansicht nach schon ein gewisser Sadismus auch ne Rolle, denn schon die Vierjährigen im Sandkasten wissen – vor allem, wenn ihnen selbst von 2 Seiten die Schippe übern Kopf gehauen wird, dass alle gegen einen unfair ist. Und das wissen auch Erwachsene. Da brauchen wir nicht so zu tun, als würde da alles unbewusst ablaufen. Vor allem, wenn man die Lache der Menschen sieht, wenn der Gruppenausschluss dann vollzogen ist und es nicht sie getroffen hat.
Und so entsteht eine Spirale: Je stärker die narzisstische Führung eine andere Meinung als Bedrohung erlebt, denn gerade an sehr empathischen Menschen zeigt sich ja häufig der Missbrauch von Narzissten deutlich, desto mehr Druck entsteht auf Abweichler oder Selberdenker. Je mehr Druck entsteht, desto stärker wird die Selbstzensur der Gruppe. Je stärker die Selbstzensur, desto homogener erscheint die Meinung. Und je homogener die Meinung erscheint, desto mehr kann der Alpha die Gruppe kontrollieren und desto mehr glaubt der Alpha, im Recht zu sein, denn schließlich sind sich ja alle einig. Gell.
Das ist Groupthink in narzisstischer Ausprägung.
Gesunde Dynamik und Meinungsvielfalt
Und jetzt wird auch deutlich, warum gesunde Demokratien Meinungsvielfalt brauchen. Nicht, weil jede Meinung gleich gut oder gleich wahr ist, sondern weil die Möglichkeit zum Diskurs ein Schutzmechanismus gegen kollektive Fehlentwicklungen ist.
Sobald Abweichung moralisch diffamiert wird statt argumentativ diskutiert zu werden, sind wir nicht mehr im Diskurs, sondern in einer Loyalitätsstruktur. Und das ist sehr gefährlich.
Denn Loyalitätsstrukturen sind anfällig für Missbrauch, da es um die Loyalität zur Person geht und nicht um das Wohl aller bzw. der gesamten Gruppe – selbst dann nicht, wenn das aus manipulativen und moralisierenden Gründen vorgegeben wird.
Ich möchte an dieser Stelle aber auch differenzieren: Groupthink entsteht nicht nur in narzisstischen Gruppen. Es kann überall dort entstehen, wo die sog. Kohäsion (also ein starkes Wir-Gefühl) sehr hoch ist und externe Bedrohung wahrgenommen wird. Auch hochfunktionale, eigentlich gesunde Teams können unter starkem Stress, Zeitdruck oder Krisenbedingungen in einen Modus verfallen, in dem Kritik als Störung empfunden wird und nicht als möglicher Ausweg. Und es ist auch nicht so gedacht, dass es einer ständig stänkert und allen seine Meinung aufzwingen möchte, das ist hier nicht gemeint.
Der Unterschied liegt eher in der Korrekturfähigkeit.
Gesunde Gruppen können nachjustieren. Sie können Feedback integrieren. Sie können Fehler eingestehen, ohne dass das Selbstwertsystem der Führung vollständig kollabiert, denn gruppenorientierte Führungspersönlichkeiten arbeiten, wie der Name schon sagt, gruppenorientiert und nicht Ich-zentriert, wie Narzissten das tun.
Narzisstisch geführte Gruppen hingegen erleben Korrektur als Demütigung ihrer angeblichen Unfehlbarkeit. Und deshalb wird der Korrekturbringer oft regelrecht geopfert. Sündenböcke gibt es aus meiner Sicht in gesunden Gruppenstrukturen nicht, aber immer in narzisstischen Gruppenstrukturen.
Und damit sind wir wieder bei meinem Kernthema: nämlich der Sündenbock-Rolle.
Der Sündenbock ist nicht das schwächste Gruppenmitglied!
Der Sündenbock ist häufig nicht der Schwächste, sondern derjenige mit der höchsten Wahrnehmung für Inkonsistenzen. Derjenige, der spürt, dass etwas nicht stimmt. Derjenige, der die Spannungen benennt, die andere verdrängen. Warum? Weil er der empathischste in der Gruppe ist, dem es um das Wohl aller geht. Sonst könnte ein zum Sündenbock gemachtes Kind auch nicht die Verantwortung für alle so krass tragen, auch wenn es das ganz bestimmt nicht freiwillig tut, sondern auch das ein von der Natur erschaffenes Notprogramm ist, um zu überleben.
In gesunden Systemen wäre das eine Ressource, in narzisstischen Systemen wird es zur Gefahr für den Narzissten.
Und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir unterscheiden lernen zwischen echter Gruppenloyalität und angstbasierter Anpassung, zwischen konstruktiver Harmonie und unterdrückter Dissidenz (= Widerstand / Opposition), zwischen Führung im Sinne von Verantwortung – und Führung im Sinne von Selbstwerterhalt.
Denn nur dann können wir anfangen, nicht nur Missbrauch zu erkennen, sondern auch gesunde Alternativen sichtbar zu machen.
Spezieller Blick auf Gruppenharmonie
Ich hatte in der Folge zum Schwarzen Schaf, zum Sündenbock und identifizierten Patienten in dem Abschnitt über den Identifizierten Patienten schon einmal darauf hingewiesen, dass gerade in Gruppen, die sehr harmonisch wirken und wo sehr viel Wert auf diesen Zusammenhalt und dieses fast schon zwanghafte „Hier gehört jeder dazu“ hingewiesen, dass das extrem toxisch und krank machend sein kann, wenn sehr starke Konflikte und Traumata in der Familie schwelen, die dadurch verleugnet und nicht geklärt werden.
Denn dann denken alle – sowohl innerhalb als auch außerhalb der Familie, es sei doch alles in Ordnung, das sind alles liebe Menschen, und darüber wird sehr oft übersehen, dass gerade verdeckte Narzissten extrem verdeckt arbeiten und teilweise schon fast psychopathisch sind, also null Schuld empfinden und null Verantwortung übernehmen wollen und sich dieses hochgradig problematische dann auf sehr extreme Art und Weise an einem identifizierten Patienten zeigen kann, der z.B. eine schwerwiegende psychische Erkrankung diagnostiziert bekommt.
Aber alle Berater und Ärzte würden sich völlig einig sein, dass die Familie eine ganz tolle Familie ist, die das allerbeste möchte, und was dabei übersehen wird, ist dass innerhalb der Familie aber Kräfte wirken – über z.B. Double Binds, über Verleugnung, über das Beschweigen von Missbrauch und Verrat, dass so ein Groupthink, ein Gruppendenken entsteht, das angeblich harmonisch ist, aber in Wahrheit krampfhaft versucht wird, das Trauma nicht durchbrechen zu lassen. Und es kann sein, je nach Schweregrad der Erkrankung des identifizierten Patienten, dass dessen Leben praktisch kein erfülltes und eigenständiges Leben ist und alle sich einig sind, auch er selbst, dass das eben so ist, weil er einfach ist und die Dynamiken, wenn man sie erkennen und lösen würde, sein Leben retten würden. Falls dich der Beitrag interessiert, hier noch einmal hier: LINK.
Groupthink verhindern
Und wenn wir jetzt zum Abschluss kommen und uns fragen, wie man Groupthink eigentlich verhindern kann – bevor er entsteht und bevor jemand zum Sündenbock wird –, dann ist es interessant zu sehen, dass Janis hier sehr konkrete Vorschläge gemacht hat. Und diese Vorschläge sind im Grunde nichts anderes als eine Beschreibung gesunder Führung.
Eine zentrale Empfehlung lautet zum Beispiel, dass Führungskräfte zu Beginn eines Entscheidungsprozesses ihre eigene Meinung bewusst zurückhalten sollten. Denn sobald ein Alpha frühzeitig signalisiert, was er oder sie für richtig hält, beginnt die Gruppe sich unbewusst daran auszurichten. Menschen sind soziale Wesen, sie wollen dazugehören, sie wollen nicht anecken, und sie spüren sehr genau, wo die Macht sitzt. Eine reife, gruppenorientierte Führungskraft weiß das – und nutzt diese Macht nicht, um Zustimmung zu erzeugen, sondern um Denken zu ermöglichen.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass man die Gegenposition strukturell einbauen sollte. Also nicht darauf hoffen, dass irgendjemand schon den Mut haben wird, zu widersprechen, sondern ganz bewusst jemanden beauftragen, Gegenargumente zu formulieren – selbst wenn diese Person sie persönlich gar nicht vertritt – das wäre der bewusste Einsatz eines Advocatus Diaboli. Damit wird die Omega-Funktion nicht zur Bedrohung, sondern zur Ressource. Kritik wird normalisiert. Widerspruch wird entpersonalisiert. Und genau das verhindert, dass später jemand als Störenfried markiert und isoliert werden muss.
Janis weist auch darauf hin, dass klassisches Brainstorming in großen Gruppen problematisch sein kann, weil sich Meinungen schnell angleichen und dominante Stimmen den Ton angeben. Das bedient aber nur das Ego der dominanten Personen, nicht das Gemeinwohl. Sinnvoller ist es häufig, zunächst individuell oder in kleineren Untergruppen Ideen zu entwickeln, die dann erst später zusammengeführt werden. Auch geheime Abstimmungen können helfen, weil sie sozialen Druck reduzieren. Wenn Menschen nicht befürchten müssen, dass ihre abweichende Meinung sofort sichtbar wird, äußern sie sich freier und ehrlicher.
Ein weiterer zentraler Schutzfaktor ist Zeit. Entscheidungen, die unter massivem Stress oder Zeitdruck getroffen werden, erhöhen die Wahrscheinlichkeit für Denkverengung. In Bedrohungssituationen schaltet unser Nervensystem auf Vereinfachung. Komplexität wird reduziert, Ambivalenz wird schwerer ertragen, und das Bedürfnis nach schnellen, klaren Lösungen steigt. Genau dann ist die Gefahr groß, dass eine Gruppe sich vorschnell einigt und kritische Perspektiven ausblendet. Eine gesunde Führung weiß das und plant Entscheidungsprozesse so, dass Reflexion möglich bleibt.
Die eigentlichen Ziele der Führung im Blick behalten!
Und damit kommen wir zu der vielleicht wichtigsten Frage überhaupt: Was ist eigentlich das Ziel der Führungskraft? Geht es um die Stabilisierung ihres eigenen Selbstbildes, um Macht, Kontrolle, Bewunderung und Loyalität? Oder geht es um den Erfolg und das Wohlergehen der gesamten Gruppe?
Und vielleicht ist das die entscheidende Unterscheidung: Braucht ein System Opfer, um stabil zu bleiben? Oder wird es gerade durch Vielfalt, Kritikfähigkeit und gegenseitige Verantwortung stabil?
Groupthink entsteht nicht einfach, weil Menschen dumm sind oder manipulativ. Es entsteht dort, wo Angst größer wird als Vertrauen. Und es lässt sich verhindern, wenn Strukturen geschaffen werden, die Mut belohnen statt ihn zu bestrafen. Dafür müssen aber narzisstische Machtstrukturen im Zaum gehalten werden.
Und genau deshalb ist es so wichtig, dass wir verstehen:
Der Omega ist kein Störfaktor. Der Sündenbock ist kein Problemverursacher. In vielen Fällen sind sie die Frühwarnsysteme eines Systems, das seine Korrekturfähigkeit verloren hat.
Wenn Führung wirklich dem Gemeinwohl dient, dann braucht sie keine Gedankenkontrolle. Dann braucht sie Diskurs. Ein System, das jemanden opfern muss, um stabil zu wirken, ist nicht stark – es ist fragil. Und genau darin liegt der Unterschied zwischen Führung, die schützt, und Führung, die sich selbst schützt. Und wo Widerspruch zur Gefahr wird, ist nicht der Kritiker das Risiko, sondern die Struktur, die ihn zum Schweigen bringen will – und eine reife Gemeinschaft erkennt den Unterschied.
Solltest du selbst betroffen sein von psychischem Missbrauch / Mobbing, dann hole dir bitte unbedingt wohlwollende Unterstützung an die Seite von jmd., der sich mit der Thematik auskennt und dir auch das Gefühl geben kann, dass du bei demjenigen gut aufgehoben bist. Du solltest eine gute Psychoedukation – auch bzgl. möglicher Vorgehensweisen mit solchen Menschen, die das tun und Regulationstechniken – erhalten können, um aus einer solchen Situation so schnell wie möglich heraus zu kommen. Denn auch starke Menschen mit einem gefestigten Umfeld können unter Mobbing sehr leiden und psychische oder körperliche Schwierigkeiten bekommen. Du bist nicht alleine!

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Literatur
Irving Lester Janis: Groupthink, Houghton Mifflin Company 1982.
Irving Lester Janis: Victims of Groupthink, Houghton Mifflin 1973.
Bildquelle
Untitled, by Brida_staright pixabay | Canva Pro
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