Haustiere als Ressource für kleine und große Sündenböcke
Ressourcen
Haustiere als Ressource nach narzisstischem Missbrauch – zwischen Heilung, Verantwortung und alten Wunden
Für viele Menschen, die in narzisstischen Familiensystemen aufgewachsen sind oder über längere Zeit psychischen Missbrauch erlebt haben, ist ein Gefühl besonders prägnant: Einsamkeit.
Hierbei geht es nicht unbedingt um die Einsamkeit im rein äußeren Sinne, also das tatsächliche Alleinsein, sondern eine tiefere, existenziellere Form davon: das Gefühl, nicht gesehen zu werden, nicht gemeint zu sein, nicht in echter Resonanz mit einem Gegenüber zu stehen. Und häufig wird dies sogar noch begleitet mit dem Glauben, man sei gar nicht dazu in der Lage, weil man einfach zu oft ausgeschlossen und dazu benutzt wurde, die Verantwortung für alle zu tragen, ohne wirklich dazu zu gehören. An dieser Stelle sei bereits gesagt, dass wir alle die Fähigkeit zu echter Bindung, Regulation uznd Zugehörigkeit in uns tragen. Diese Fähigkeiten sind uns angeboren und manchmal durch traumatische Erfahrungen einfach sehr gut in uns versteckt und begraben.
Und genau an dieser Stelle kann eine Ressource ins Leben treten, die oft unterschätzt wird, gleichzeitig aber eine enorme regulierende und stabilisierende Kraft entfalten kann: die Beziehung zu einem Haustier. Und zwar auch und vor allem dann, wenn wir mit Menschen schon irgendwie abgeschlossen haben.
Warum Tiere für traumatisierte Menschen so bereichernd sein können
Wenn wir uns die Dynamiken narzisstischen Missbrauchs anschauen, dann sehen wir, dass Beziehungen dort selten von Echtheit, Sicherheit oder emotionaler Gegenseitigkeit geprägt sind. Stattdessen erleben Betroffene häufig emotionale Manipulation, inkonsistente Zuwendung irgendwo zwischen Idealisierung & Abwertung, Beschämung und Entwertung sowie eine Form von „Spiegelung“, die nicht der Realität entspricht, sondern den Bedürfnissen des narzisstischen Gegenübers dient. Das bedeutet, dass das, was eigentlich Orientierung geben sollte, nämlich die Reaktion des Gegenübers, selbst zur Quelle von Verunsicherung wird.
Und genau hier liegt einer der zentralen Unterschiede in der Beziehung zu einem Tier. Ein Tier begegnet dir nicht strategisch, es manipuliert dich nicht und es verfolgt kein psychologisches Machtspiel. Es will, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden und erwartet Schutz von demjenigen, der die Verantwortung trägt. Und es gibt Schutz zurück, wenn es in seiner Macht steht.
Die Resonanz, die du bekommst, ist – bei aller notwendigen Differenzierung – unmittelbarer, klarer und nicht auf Abwertung ausgerichtet. Viele Betroffene beschreiben deshalb etwas, das sie aus menschlichen Beziehungen oft nicht kennen: ein Gefühl von einfach angenommen sein, ohne sich verstellen zu müssen.
Nervensystem, Co-Regulation und emotionale Stabilisierung
Aus psychologischer und neurobiologischer Perspektive lässt sich ein regulierender Effekt durch Haustiere wie z.B. Hunde oder Katzen sehr gut einordnen.
Die Interaktion mit Tieren kann das parasympathische Nervensystem aktivieren, Stresshormone wie Cortisol reduzieren und die Ausschüttung von Oxytocin fördern (Bindungs- und „Beruhigungshormon“). Gerade für Menschen, die über lange Zeit in einem Zustand von Hypervigilanz, also dauerhafter innerer Alarmbereitschaft, gelebt haben, kann die ruhige, gleichmäßige Präsenz eines Tieres eine Form von Co-Regulation darstellen.
Das bedeutet, das Nervensystem beginnt, sich über das Tier zu stabilisieren und umgekehrt, wenn sich das Tier bei dir wohlfühlt.
Ein Spaziergang mit einem Hund im Wald, das ruhige, schnurrende Atmen einer Katze neben einem auf dem Sofa oder auch das Beobachten von Tieren in der Natur kann dabei eine tiefere Wirkung entfalten, als viele zunächst vermuten würden.
Tiere als „ehrliche Spiegel“ ohne psychologische Verzerrung
Ein weiterer Aspekt, der für viele Betroffene besonders heilsam sein kann, ist die Form der „Spiegelung“, die Tiere bieten.
Während in narzisstischen Systemen häufig eine verzerrte Realität über dich als Mensch vermittelt wird: „Du bist zu sensibel“, „Du übertreibst“, „Mit dir stimmt etwas nicht“, reagiert ein Tier auf dich und deinen tatsächlichen Zustand.
Wenn du ruhig bist, reagiert es auch meist ruhig, wenn du angespannt bist, kann es darauf reagieren und wenn du traurig bist, kommt es vielleicht zu dir und „kümmert sich um dich“. Die Reaktion eines Tieres ist dabei nicht manipulativ. Es will nichts in strategischer Form von dir. Es will essen, trinken, medizinische Versorgung, mal draußen sein, mal schlafen – und es will meist, dass du da bist. Also ganz normale Bedürfnisse sollen erfüllt werden. Es möchte dich nicht krank machen, finanziell und existentiell ausbeuten usw.
Und genau das kann dabei helfen, wieder ein Gefühl dafür zu entwickeln, dass das, was du wahrnimmst, real ist.
Wenn Haustiere selbst Teil des Traumas in narzisstischen Systemen wurden
So kraftvoll diese Ressource sein kann, so wichtig ist es auch, eine Realität anzusprechen, die viele Betroffene betrifft und über die oft kaum gesprochen wird. Gerade sogenannte „Sündenbockkinder“ erleben nicht selten, dass auch Haustiere in die Dynamiken des Missbrauchs einbezogen werden. Beispiele hierfür könnten sein, dass ein Tier zunächst angeschafft und später wieder weggenommen wird, vielleicht wird es „verschenkt“, abgegeben oder plötzlich „ist es einfach weg“. Dem Kind wird die Schuld gegeben („Du hast dich doch gar nicht gekümmert“). Manchmal werden auch Tierarztbesuche verweigert oder das Tier wird vernachlässigt oder im schlimmsten Fall sogar gequält. Narzissten haben keine echte Empathie und auch keinen Respekt vor dem Leben. Es geht um sie, um sie, und nochmals um sie. Und sie wollen die (emotionale) Zerstörung des Sündenbocks. (Das heißt, genau genommen projizieren sie ihren eigenen Selbsthass auf den Sündenbock und wollen auf ihm ihren eigenen Selbsthass zerstören, aber das merkt oft niemand…).
Für ein Kind, das ohnehin schon isoliert ist, kann ein Haustier eine der wenigen echten Bindungsquellen in narzisstischen Systemen darstellen. Wird diese Bindung zerstört, kann das ein massives zusätzliches Trauma hinterlassen, das das ganze Leben anhalten kann. Viele Betroffene tragen deshalb nicht nur die Sehnsucht nach Nähe in sich, sondern gleichzeitig auch eine tiefe Angst vor Verlust, Hilflosigkeit oder erneuter Ohnmacht.
Das kann dazu führen, dass sie sich später im Leben bewusst gegen ein Haustier entscheiden, obwohl sie eigentlich spüren, wie gut ihnen diese Verbindung tun würde.
Haustiere als Ressource, aber nicht als Lösung für alles
So wichtig und unterstützend Tiere sein können, sie sind Lebewesen. Das bedeutet ganz klar: Wer darüber nachdenkt, sich ein Haustier anzuschaffen, sollte sich ehrlich fragen, ob er aktuell emotional, finanziell und organisatorisch stabil genug, um diese oft jahrelange Verantwortung zu tragen – auch z.B. an schwierigen Tagen oder wenn du in den Urlaub fliegen möchtest.
Wenn noch kein Tier da ist und die eigene Situation noch sehr instabil ist, kann es sinnvoll sein, zunächst therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen und erst andere Ressourcen aufzubauen.
Denn: Ein Tier braucht Sicherheit – genauso wie du. 💝
Sanfte Annäherung: Kontakt ohne Verpflichtung
Für viele Betroffene kann es ein guter erster Schritt sein, sich ohne direkte Verantwortung wieder an Tiere anzunähern:
- Spaziergänge mit Hunden von Freunden oder im Tierheim
- Zeit mit Tieren im Umfeld
- Aufenthalte in der Natur
- bewusste Begegnungen mit Tieren im Alltag
Auch das kann bereits regulierend wirken und dabei helfen, Vertrauen langsam wieder aufzubauen.
Fazit: Beziehung ohne Manipulation kann heilsam sein
Die Beziehung zu einem Tier kann für Menschen mit Erfahrungen von narzisstischem Missbrauch eine besondere Qualität haben: Sie ist oft ruhiger, weniger widersprüchlich, weniger verletzend und für viele Betroffen einfach schön, nährend und bereichernd. Und genau deshalb kann sie ein wichtiger Baustein auf dem Weg zurück zu mehr innerer Stabilität, Selbstwahrnehmung und Verbindung sein.
Gleichzeitig ist es wichtig, diese Ressource achtsam zu betrachten – nicht aus einem Mangel heraus, sondern aus einer Position von wachsender Stabilität, denn Heilung entsteht nicht dadurch, dass wir uns etwas „holen“, das uns rettet, sondern dadurch, dass wir lernen, in sicheren Beziehungen – auch zu uns selbst – zu bleiben.
Und manchmal kann ein Tier genau dabei unterstützen. 🐾
Solltest du selbst betroffen sein von psychischem Missbrauch / Mobbing, dann hole dir bitte unbedingt wohlwollende Unterstützung an die Seite von jmd., der sich mit der Thematik auskennt und dir auch das Gefühl geben kann, dass du bei demjenigen gut aufgehoben bist. Du solltest eine gute Psychoedukation – auch bzgl. möglicher Vorgehensweisen mit solchen Menschen, die das tun und Regulationstechniken – erhalten können, um aus einer solchen Situation so schnell wie möglich heraus zu kommen. Denn auch starke Menschen mit einem gefestigten Umfeld können unter Mobbing sehr leiden und psychische oder körperliche Schwierigkeiten bekommen. Du bist nicht alleine!

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Bildquelle
Child Hugging Golden Retriever Dog, by Sarah Rypma | Canva Pro
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